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Monster jagen

Von Michael Kuhn

In der heutigen Zeit ist es so eine Sache mit den Monstern: jeder weiss, dass es sie gibt, nur ist es schwierig, sie zu erkennen, weil sie eben nicht wie Monster aussehen. Eine wohltuende Hilfe bietet hier das Smartphone-Spiel Pokemon Go. Mit ihm lassen sich echte Monster in der realen Welt jagen. Dazu braucht es nur ein Smartphone und das Spiel. Auf dem Display hat man die Fotoansicht, also man sieht die Welt, wie sie ist. Plötzlich taucht darin, auf dem Trottoir, auf einem Mülleimer oder in einem Brunnen, ein animiertes Monster auf, das sich mit virtuellen Bällen fangen lässt. «Die kommen in unseren Zoo», sagt dann jeweils mein Sohn, wenn er wieder eines der behornten Tierchen erwischt hat.

Mein Sohn ist vier. Und er jagt Monster. Mit dem Smartphone. Das macht mich als Vater zu einem Monster. Zumindest lassen sich die Blicke einiger Passanten jeweils so deuten. Vor allem ältere Frauen schauen – umschreiben wir es höflich – mit Argwohn, wenn ich mit meinem Sohn durch die Stadtquartiere schlendere, und er zeitweise mein Smartphone in den Händen hält. «Unglaublich, statt sich um sein Kind zu kümmern, drückt dieser Typ seinem Kleinen ein Handy in die Hand. Verantwortungslos, Pfui!» So hört sich das Unausgesprochene von Menschen an, denen mein Sohn und ich jeweils begegnen. «Unglaublich», wurde auch schon ausgesprochen oder dann ein schweres Seufzen ausgestossen, als würden sie das Handeln eines Junkies kommentieren.

Nun, es ist nicht leicht, diese Monster zu jagen. Es braucht Geduld, Übung, Fingerfertigkeit. Und um den restlichen Spielmechanismus in allen Details zu begreifen, sogar Hirnschmalz. Dies alles interessiert die besorgten Mitmenschen selbstverständlich nicht, die mir meinen Sohn am liebsten entreissen und der fürsorglichen Pflege eines Kinderheims übergeben möchten. Mein Sohn bekommt von alledem nicht mit. Er beschäftigt sich mit dem nächsten «Hornilu» und hat Spass. Ein Monsterfänger mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Weil er Monster fangen kann. Und weil er mit seinem Vater um die Häuser zieht.

Für mich dagegen verschwinden manchmal die Welten, und ich frage mich, wer denn hier Monster und wer hier Fänger ist. Weshalb muss für einige Menschen gleich alles monstermässig sein, nur weil sie in einem Moment einen Blick auf etwas erhaschen? Weshalb gleich die Monsterschublade aufreissen? Vielleicht könnte hier ein Blick in den Spiegel Abhilfe tun. Denn während ein Monster nicht lächelt, tun es die Monsterfänger schon. Machen Sie den Selbsttest: Sind Sie Fänger oder Monster?
7. März 2017.

Zur Person
Michael Kuhn, geboren 1979 im Kanton Aargau, ist seit Januar 2014 stellvertretender Geschäftsführer Corporate Media bei der Zürcher Kommunikationsagentur Swisscontent. Bis Dezember 2010 war Michael Kuhn Mitglied der Chefredaktion, stv. Ressortleiter und Journalist bei verschiedenen On- und Offline-Publikationen, darunter der «Handelszeitung», der «Luzerner Zeitung» sowie «cashdaily». Danach arbeitete er als Projektleiter und Head of Digital Media für Ringier. Er wohnt mit seiner Partnerin und seinen zwei Kindern in der Stadt Luzern und bereist seit 12 Jahren China.