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Mariethé Senti, Zeitgut-Genossenschaftsmitglied, eine von 365.

 

„Eine Ausstrahlung, die weiterleuchtet“

Von Hans Beat Achermann (Text) und Joseph Schmidiger (Bild)

Unter dem Titel „Zwölf Geschichten, die Mut machen“, hat die Genossenschaft Zeitgut eine Broschüre mit einem Dutzend Porträts publiziert, die Einblick geben in die Tätigkeit von Zeitgut-Freiwilligen. Wir veröffentlichen daraus das Porträt der Genossenschafterin Mariethé Senti. 

Auf dem Wohnzimmertisch im Luzerner Friedberg-Quartier, an dem Mariethé Senti anderthalb Stunden lang von den Erfahrungen im Zeitgut-Tandem erzählt, hat sie die Todesanzeige und Fotos von Frau S. ausgelegt. Am 3. Dezember 2017 ist die verwitwete Frau 96jährig gestorben. Gedacht war die Foto auf der Todesanzeige eigentlich als weihnachtliches Dankeschön an alle Helferinnen und Betreuerinnen, die Frau S. in den letzten Lebensjahren in ihrem Zuhause in Ebikon begleitet haben. Doch wenige Wochen nach der Aufnahme starb Frau S. Eine dieser Betreuerin war Zeitgut-Genossenschafterin Mariethé Senti (69). Eindreiviertel Jahre besuchte sie Frau S. in Ihrer Wohnung während zwei Stunden pro Woche, bereitete der kultivierten und gepflegten alten Dame das Mittagessen zu, dann assen sie gemeinsam die Mahlzeit, plauderten, tauschten sich aus, manchmal schwiegen sie auch. 

Viele Gemeinsamkeiten

Zu reden gab es anfänglich viel, teilten die beiden Frauen des Zeitgut-Tandems doch einen Teil ihrer Herkunftsgeschichte. Beide wurden in Solothurn geboren in einem streng katholisch geprägten Umfeld, beide verliessen sie ihren Heimatort in jungen Jahren. Den Dialekt haben sie mitgenommen – und ein bisschen Zahlenmystik: „In Solothurn gibt es elf Brunnen und elf Kapellen, die Kathedrale hat elf Altäre und elf Glocken, Solothurn war der elfte Kanton der Eidgenossenschaft und es gibt auch das Öufi-Bier“, erzählt Mariethé. Elf Stunden waren es auch, die Mariethé in der letzten Nacht vor dem Tod von Frau S. bei ihr verbrachte, die einzige Nachtwache, die sie bei der verwitweten Frau S. leistete,  freiwillig, ausserhalb des Zeitgut-Budgets. „Es war ein grosses Geschenk für mich, nicht nur diese letzte Nacht“, sagt Mariethé, entstand doch eine  grosse Verbundenheit  in den rund 200 Stunden, welche die beiden Frauen miteinander verbrachten. „Manchmal nahm ich ihre lange, schmale Hand in meine Hände“, erzählt Mariethé, Klavierspielerinnenhände. Hie und da sangen sie ein Solothurner Liedli zusammen, eine Zeitlang nahmen sie auch den 16-Uhr-Kaffee gemeinsam ein, dazu gehörte immer ein Kambly-Guetzli. Alle Aktivitäten mussten säuberlich dokumentiert werden, damit das Betreuungssystem reibungslos funktionierte und Frau S. bis zu ihrem Tod zuhause bleiben konnte.

Mit Stil und Würde bis ans Lebensende

Als Mariethé von Zeitgut an Frau S. vermittelt wurde, war vieles für die Betreuung und Pflege bereits organisiert, es war ein „gemachtes Nest“. Mariethé war neben der Spitex, den Töchtern, dem Sohn und einem Enkel und andern Betreuerinnen nur eine von vielen, die sich um Frau S. kümmerten. Schon vor Mariethé war eine Zeitgut-Genossenschafterin Teil des Tandems bei Frau S. gewesen. Sie alle trafen sich nach der Bestattung von Frau S. in Solothurn an einem Tisch, tauschten Erinnerungen aus an die Verstorbene. Für alle war sie eine besondere Frau. Alle waren sich einig: Frau S. hatte bis zu ihrem Tod ihre Würde bewahren können. Das zeigt sich auch auf der erwähnten Foto, das die Tochter von Frau S. aufgenommen hat. Da sitzt eine ältere Dame würdevoll in ihrem Stuhl, stilvoll gekleidet in einem schwarzen Pullover mit Rautenmuster, die Kaffeetasse vor sich und mit einem „abgeklärten Leuchten im Gesicht“, wie Mariethé feststellt. Diese Ausstrahlung – sie fasziniert Mariethé bis heute. 

Die Erfahrungen als Teil dieses Zeitgut-Tandems auf Zeit möchte sie keinesfalls missen. „Noch heute wird mir warm ums Herz, wenn ich an Frau S. denke“, sagt die pensionierte Lehrerin und Mutter einer Tochter und eines Sohnes. Sie hatte schon Erfahrung im Betreuen und Begleiten älterer Menschen, auch im Umgang mit dem Tod, dies vor allem im familiären Umfeld. Sie besuchte oft ihre Mutter, die wie Frau S. auch 96jährig wurde, im Altersheim in Biberist. Ein Bruder von Mariethé verstarb mit 59 an Krebs. Auch Frau S., die Mutter von vier Kindern war, erlebte nicht nur glückliche Zeiten: Einer ihrer Söhne starb mit 39. „Sie hat mir viel von der Familie erzählt in den Zeitgut-Stunden“, erinnert sich Mariethé, vor allem auch von ihrem vielseitig begabten Mann, „der ihr Hobby war, wie sie mir wortwörtlich gesagt hat“. 

Immer noch nahe

Seit dem Tod von Frau S. war Mariethé Senti in  keinem Zeitgut-Tandem mehr engagiert. Noch einmal kam eine Anfrage, doch die Aufgabe, das Entsorgen bzw. Aussortieren von Büchern konnte sie sich, die selber gerne liest, nicht vorstellen. „Aber es ist kein grundsätzliches Nein für ein weiteres Engagement bei Zeitgut“, beteuert sie. Im Moment verbringt sie wöchentlich einen halben Tag, bei HelloWelcome, wo sich Flüchtlinge treffen, die sich sprachlich und kulturell integrieren wollen. Doch emotional ist die Erfahrung mit Frau S. immer noch nahe: „Ich habe so viel gelernt in diesen Monaten und während diesen gemeinsam verbrachten Stunden“, erinnert sich Mariethé. In Erinnerung ist ihr auch der ganze Prozess bis hin zum Tod, die zunehmende Müdigkeit, die immer grössere Sprachlosigkeit, aber auch die Dankbarkeit, die Frau S. noch formulieren konnte – nicht nur für die Nachbarschaftshilfe, sondern auch fürs ganze Leben.  Während sie ganz am Anfang noch vor dem Haus kleine Spaziergänge unternehmen konnten, verbrachte Frau S. später die Zeit am Esstisch, die letzten Monate war sie zuhause auf ein Pflegebett angewiesen. „Es hat sich gelöst“, war ein Satz, den Frau S. am Lebensende formulieren konnte. Da sind auch Loslassen und Erlösung drin enthalten, Begriffe, die sicher auch in ihrem christlichen Weltbild immer eine Rolle spielten. Auch das Lob auf das reich erfüllte Leben war bei Frau S. begleitet von einem „Gelobt sei Jesus Christus“. „Ich hatte aber das Gefühl, dass sie eine ganz eigene Spiritualität entwickelt hat“, glaubt Mariethé Senti. 

Irgendwann einmal wird Mariethé die gutgeschriebenen Stunden vielleicht selber wieder „einziehen“ können. „Wenn es einmal so weit ist und ich auf fremde Hilfe angewiesen wäre, so möchte ich wie Frau S. auch die Würde bewahren können. Bei ihr war hinter allem ein Leuchten, sie blieb eine Schenkende. Ich wäre glücklich, wenn auch ich diese Ausstrahlung haben könnte.“

Der Autor dieses Porträts, Hans Beat  Achermann, ist selber Mitglied der Genossenschaft Zeitgut.

Die Broschüre „Zwölf Geschichten, die Mut machen“,  kann ab dem 6. November bei der Genossenschaft Zeitgut bestellt werden: info@zeitagut.org. Sie kostet 12 Franken zuzüglich Porto.

Die Genossenschaft Zeitgut

Zeitgut baut Gruppen von Leuten auf, die sich gegenseitig Nachbarschaftshilfe leisten. Dabei geht es um Betreuung und Begleitung: Wenn man nicht mehr mit dem Hund spazieren oder seinen Balkon bepflanzen kann. Jeder und jede kann mit einem Anteilschein von 100 Franken und dem Jahresbeitrag von 50 Franken Genossenschaftsmitglied werden und bekommt ein Zeitkonto. Darauf werden Stunden gutgeschrieben, wenn man etwas leistet, und abgebucht, wenn man sie bezieht. Zeitgut Luzern hat zurzeit 365 Mitglieder, 209 davon aktiv. Zusätzlich sind 30 Frauen und Männer in 8 Organisationen als Kollektivmitglied aktiv. 108 Tandems sind aktuell unterwegs, 12 sind in Vorbereitung, 209 bereits abgeschlossen. 

Weitere Informationen unter www.zeitgut.org

30.10.2019