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Susanne Moser in ihrem "Maison du Chocolat" an der Pfistergasse.

„Ich habe den perfekten Schoggi-Job"

Von Beat Bühlmann (Text) und Joseph Schmidiger (Bild)
Sie verkauft in ihrem kleinen Laden an der Pfistergasse seit 36 Jahren feinste Schokolade. Doch Susanne Moser, die „Schoggi-Susi", ist auch die gute Fee in der Kleinstadt. Einer der Quartierspaziergänge führt an ihrem Geschäft vorbei.

Wer den kleinen Laden an der Pfistergasse 15 betritt, la maison du chocolat, wie es charmant auf der Visitenkarte heisst, glaubt seinen Augen kaum zu trauen: Nichts als Schokolade! Allein in der Vitrine werden 75 verschiedene Sorten an Pralinen angeboten. Zur Begrüssung fordert uns Susanne Moser auf, eine der Pralinen zu kosten – dieser Verführung können wir nicht widerstehen. Die „Schoggi-Susi" weiss, wie man Kunden gewinnt. 1982 hat sie, die vorher in einer Bank tätig war, das Verkaufsgeschäft übernommen, schon fast aus einer inneren Berufung. „Es war Liebe auf den ersten Blick", sagt Susanne Moser, „ich habe den perfekten Schoggi-Job."

Ein Tag ist schokoladefrei
In der Woche nach Ostern sind einige Regale leer, die Osterhasen sind alle weg. Susanne Moser kann auf eine treue Stammkundschaft zählen. Die Schokolade bezieht sie von fünf verschiedenen Confiseuren, die jedoch ausschliesslich Couverture von Max Felchlin in Ibach SZ verwenden. Die Pralinen wären eigentlich für sechs bis acht Wochen haltbar, doch spätestens nach 14 Tagen sind alle jeweils wieder weg. „Sie bleiben hier nicht lange liegen", sagt Susanne Moser. Jeden Tag ordnet sie die Pralinen, jeden zweiten Tag wird die Vitrine aufgefüllt. Sie behält den Überblick, sagt, sie kenne jede Praline. Wie kann sie selber der täglichen Verführung widerstehen? „Ich liebe Schokolade, aber ich bin nicht süchtig", sagt Susanne Moser. Sie esse Schokolade ganz bewusst, „stopfe sie nicht einfach in mich hinein". Denn sie wisse, wie viel Handarbeit dahinterstecke. Einen Tag pro Woche hat sie für sich ohnehin als schokoladefrei erklärt.

Susanne Moser, als junge Frau vom Thurgau in die Stadt Luzern gezogen, ist nicht nur eine Liebhaberin von Schokolade. Sie ist auch eine Verkäuferin aus Leidenschaft. „Verkaufen ist mein Leben", sagt sie, „ich möchte meine Kundschaft glücklich machen." Wer bei ihr im Laden steht, merkt an kleinen Details, dass dies nicht nur schöne Worte sind. So hat sie für Touristen, die in Euro zahlen, das nötige Herausgeld in Euro und Cent bereit, wie das sonst nicht üblich ist. („Ich bin halt eine Bänklerin", sagt sie.) Und für russische Reisegruppen, die sich zuweilen an der Pfistergasse zeigen, hat sie sich einige russische Wörter auf einem Zettel notiert: für schwarze, bittere oder für Milchschokolade. Die Amerikaner, die zu den besten Zeiten mit täglich bis zu 20 Cars im Quartier aufkreuzten und vom hohen Dollarkurs profitieren (Fr. 2.75 der Dollar), sind hier kaum mehr zu sehen. „Nach der Finanzkrise von 2008 verarmte der Mittelstand in den USA, die Reise in die Schweiz ist für viele zu teuer geworden."

Einrichtung aus den vierziger Jahren
Sie hat mich gebeten, auf einen bequemen Holzsessel Platz zu nehmen, damit die Kundschaft freien Zugang zur Verkaufstheke hat. Der Stuhl, ein solides Stück, stammt aus den Nachkriegsjahren. Susanne Moser bevorzugt keinen modischen Schnick Schnack. Der Schoggiladen wurde 1947 eröffnet, und ein Grossteil der Einrichtung hat sich bis heute erhalten. Die Waage (Jahrgang 1947) kann sie noch immer benutzen, sie ist geeicht. Die Kasse hingegen musste sie 2012 ersetzen, als sie aufgrund eines Defekts in Rauch aufging. Vom Strichcode will Susanne Moser nach wie vor nichts wissen, beim Inventar zählt sie selber von Hand und überlässt das nicht dem Computer. Der Laden ist ein wenig aus der Zeit gefallen, doch das macht gerade seinen Reiz aus.

Das Quartier hingegen hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht nur zu seinem Vorteil verändert. Der Branchemix sei schlecht, sagt Susanne Moser, die im Vorstand des Quartiervereins Kleinstadt mitarbeitet. Die Läden für Gemüse und Käse sind verschwunden, auch die Metzgerei musste schliessen. Die Bäckerei blieb immerhin erhalten. Umso wichtiger ist für die verbliebenen Geschäftsleute der Zusammenhalt. Jeden Morgen treffen sie sich um Viertel vor Sieben zum Kaffeestamm. „Wir helfen einander", sagt Susanne Moser. Wenn der Postbote zum Beispiel seine Briefe und Pakete nicht los wird, weil ein Geschäft geschlossen ist, kann er sie ungeniert beim Schoggiladen deponieren; ein Pöstler hat sie deshalb auch schon als 17. Filiale in der Stadt Luzern bezeichnet. Und umgekehrt weiss die Post, wo die „Schoggi-Susi, Pfistergasse, Luzern" zu Hause ist. Jedenfalls kam eine Karte aus Berlin mit dieser Adresse ohne Verzögerung bei Susanne Moser an.

Die „Schoggi-Susi" wohnt dem Geschäft gegenüber, auf der anderen Strassenseite. Sie fühlt sich sehr wohl an der Pfistergasse. „Ich schätze das Familiäre und den persönlichen Kontakt mit Bewohnern und Gewerbetreibenden", schrieb sie in der städtischen Broschüre zu den Spaziergängen in den Quartieren. „Man kennt sich und trifft sich gerne zu einem Schwatz!" Susanne Moser (65) ist pensioniert, aber ein Leben ohne ihren Laden kann sie sich eigentlich gar nicht vorstellen. „Ohne mein Laden? Das wäre ein Horror", sagt sie, „und würde mich ins Grab bringen." Sie arbeitet gerne, macht praktisch nie Ferien. „Dafür habe ich keine Lust." Sie wolle so lange wie möglich weiterarbeiten. „Mit meinem Schoggiladen bin ich nicht reich, aber glücklich geworden." - 4.5.2019
Spaziergänge im Quartier

beat.buehlmann@luzern60plus.ch