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Paul Kölliker –
ein Leben (fast) wie im Abenteuerroman

Zu übersehen ist er nicht, auch jetzt noch, wo er schon im 80. Lebensjahr steht. Das war früher auch nicht anders – Paul Kölliker, der Zweimeter-Mann fiel auch im Lager der lang gewachsenen Ruderer auf. Für uns Junioren im Konkurrenzverein war er die «Seeclub-Antenne». Nicht nur seine Körpergrösse, auch seine Leistungen waren eindrücklich. An den Schweizermeisterschaften 1960 auf dem Rotsee gewannen Kölliker und seine Crews die Titel in beiden Zweier- und Viererbooten und Silber im Achter – fünf Starts, vier Titel, fünf Medaillen an einem Tag. Das gab’s davor und danach nicht. An den Olympischen Spielen in Rom 1960 erreichte der Lange aus Luzern den Final im Vierer-ohne (Kottmann, Streuli, Schmid, Kölliker). Geschichte hatte Paul Kölliker auf dem Rotsee schon drei Jahre früher als Ruderneuling geschrieben. Im Einer-Rennen der Nachwuchskategorie brach ein Weststurm los. «Das Rennen war ein reiner Kraftakt», hielt Kölliker die Erinnerung an diesen legendären Wettkampf fest. «Bei Streckenhälfte lagen schon unzählige Längen zwischen mir und den Hinterbliebenen aus Bern, Gandria-Castagnola und Olten. Ihre Skiffs waren mit Wasser vollgeschlagen. Ihre Oberkörper ragten wie ausgefahrene Periskope von Unterseebooten aus dem Wasser.» Köllikers Siegerzeit von 12.10,9 Minuten ging als kuriosester Rekord in die Rudergeschichte ein – es ist die langsamste je gemessene Siegerzeit auf dem Rotsee.

Dem Rudersport blieb Paul Kölliker treu. Bis vor wenigen Jahren war er als Ruderfachjournalist für die Neue Zürcher Zeitung tätig. Doch in seinem Leben ist die Ruderei eine Randnotiz.

Es ist ein Leben fast wie in einem Abenteuerroman. Darin spielen Schule, Lehren und Unterrichten eine nicht unwesentliche Rolle. Darauf wären Klein-Köllikers Lehrer wohl nicht gekommen. Er muss kein pflegeleichter Schüler gewesen sein. Nach abgebrochener Kanti machte er eine Lehre als Werkzeugmacher bei Bell in Kriens. Danach zog’s ihn in den Norden – Kölliker, man kann sich den jungen Recken gut in dieser Rolle vorstellen, arbeitete als Waldarbeiter in Schweden («wir fällten Bäume im Akkord, jeder hatte ein Stück Wald ganz für sich allein»). Zurück in der Schweiz, holte Paul die Matura nach, verdiente sein Geld als Aushilfslehrer – und fand zum Sport. Als Hochspringer schaffte er es in die B-Nationalmannschaft. Dann entdeckte ihn der legendäre Seeclub-Trainer Willy Dubach für den Rudersport (mit Erfolg, siehe oben). Da lag es nahe, Hobby (das war damals auch der Spitzensport noch) und Beruf zu kombinieren – Paul Kölliker erwarb sich an der ETH das Sportlehrer-Diplom, dann das Sekundarlehrerpatent. Immerhin fünf Jahre unterrichtete er an der Sek auf Musegg. Für Schulzimmer und Turnhalle schien er allerdings nicht geschaffen – nicht des Könnens, sondern des Temperaments, der Neugier und der Abenteuerlust wegen. Als ihn die Entwicklungshilfeorganisation Helvetas 1965 anfragte, ob er  - handwerklich ausgebildet, pädagogisch kompetent – in Tunesien eine Lehrwerkstätte für 500 Jugendliche («alles Waisenkinder, Kriegswaisen aus Algerien) aufbauen und leiten wolle, sagte Kölliker ja. Die junge Familie (Frau Annelies und zwei Kleinkinder) zog um und lebte nun für zwei Jahre in Nordafrika. Danach («wir wollten noch nicht zurück in die Schweiz») verpflichteten sich Köllikers für ein Entwicklungshilfeprojekt in Nepal. Als Teamleiter koordinierte Paul die Projektarbeit der Schweizer Entwicklungshelfer und der lokalen Behörden in einem Bergtal auf 3000 Meter Höhe. In Nepal kam auch Köllikers drittes Kind zur Welt und für die älteren begann die Schulzeit – für die Eltern Zeit, sich Gedanken über einen längerfristigen Wohnsitz zu machen. Die Familie entschied sich für die Schweiz, für Luzern.

Hier schien man auf einen Pädagogen mit Projekterfahrung gewartet zu haben – der damalige Sozialdirektor Alfred Wolf holte ihn für den Aufbau des Jugendheims Schachen (heute Schul- und Wohnzentrum Schachen-Luzern für verhaltensauffällige Jugendliche) an Bord. Heimleiter allerdings mochten Paul und Annelies Kölliker nicht werden. Als das Heim seinen Betrieb aufnahm, wechselte «Kö.» wieder einmal den Beruf – er stieg auf den Journalismus um. Nach zwei Jahren beim Zuger Tagblatt wechselte er zur Tagesschau beim Schweizer Fernsehen – erneut mit Aufbauprojekten im Portfolio. «Ich konnte den Teletext einführen, das war ein toller Job,» blickt Kö. zurück. Nach einigen Jahren auf der Sportredaktion kam Köllikers «beste Zeit» im Journalismus. Bei «Schweiz Aktuell» realisierte er zwei bis drei «grosse Kisten» pro Jahr, Themenwochen zu gesellschaftlich relevanten Fragen oder – wie könnte es bei Kö. anders sein - «Abenteuerreisen» im eigenen Land. Das war dann mal eine Woche in der Psychiatrie, mal ein Trecking mit Schlittenhunden vom Goms nach Disentis oder eine Reise auf Walserwegen mit Mauleseln.

Maulesel – das ist das Stichwort zu Paul Köllikers Leidenschaft, die ihn seit bald 30 Jahren und über die Pensionierung hinaus in Atem hält. Bei einer Reportage im Napfgebiet versprach er einem Mädchen, das sein Pony verkaufen musste, für das Tier zu sorgen, wenn es keine anderen Abnehmer finde. Paul entwickelte sich zum Maulesel-Experten, einige Zeit präsidierte er auch die schweizerische IG Maultier. Mit den grossen Trecks (etwa von Vals über den Tamülpass ins Safiental, hinüber nach Splügen und hinauf nach Juf) hat Paul vor fünf Jahren aufgehört. Heute sind das Muli Pauline und das Pony Jerry für Kö. «eine Überlebensmassnahme» und eine Generationenbrücke. Zu seinen Tieren auf einem Hof in Kriens schauen neben ihm abwechslungsweise auch fünf, sechs Mädchen. «Sie sind wie Enkelinnen, und ihre Eltern, zu denen ich einen sehr guten Kontakt habe, sind in der Generation unserer eigenen Söhne», sagt Paul. Zu den Jungen hat Kölliker einen guten Draht, aber manchmal tun sie ihm Leid. «Die Belastung und der Druck von der Schule und durch die Gesellschaft wird immer grösser», stellt er fest, «die Jugendlichen werden immer mehr verplant». Ich vermute, mit sich hätte das der junge Paul nicht machen lassen.
Hanns Fuchs / 4. Oktober 2012