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Meinrad Buholzer

Meinrad Buholzer, Kolumnist

Quantität versus Qualität im akademischen Betrieb

Von Meinrad Buholzer

Achtung! Der folgende Text enthält elitäres Gedankengut. Wer sich davon verletzt fühlen könnte, sollte auf die Lektüre verzichten.

Gerne lese ich Kurznachrichten aus Wissenschaft und Forschung. Einerseits, weil sich aus der Vielzahl divergierender Erkenntnisse ein argumentatives Gerüst basteln lässt, um das eigene Weltbild zu stützen. Wir können uns mit derart geronnenem Wissen beliebig eindecken – pro oder contra Wein, Bier, Kaffee, Tee, Sport oder ………. (gewünschtes Forschungsobjekt hier einsetzen!). Anderseits sind sie eine Quelle von Heiterkeit. Meine drei liebsten Beispiele:
- Eine Fachhochschule findet heraus, dass Jugendliche aus wohlhabendem Haus sorgloser mit Geld umgehen als weniger Begüterte; dass letztere sich öfter einschränken, um über die Runden zu kommen. – Umwerfend!
- Eine Schweizer Universität, die regelmässig in der Liste der weltbesten auftaucht, publiziert eine Studie (mit knapp 30 Teilnehmern!), die zum Schluss kommt, dass homosexuelle Menschen stärker auf Gesichter des eigenen Geschlechts ansprechen als heterosexuelle. – Wow! Da wäre ich nie selber draufgekommen!
- Ein kanadischer Psychologe testet die Intelligenz von Hunden und macht genau zwei Tests: Er lässt einen Hundebesitzer einen Herzinfarkt vortäuschen. Und einen Hundebesitzer unter einem Regal um Hilfe rufen – wiederum fingiert. Die Hunde reagieren nicht. Fazit des Psychologen, der weder von Hunden noch von Menschen viel zu verstehen scheint: Hunde sind nicht intelligent. – Ein Leserbriefschreiber bringt es auf den Punkt: „Ein Hundebesitzer täuscht einen Herzanfall vor und der Hund reagiert nicht. Wer ist da intelligenter?“

Einverstanden, es gibt mildernde Umstände. Die Hochschulen und Universitäten stehen in einem permanenten Wettbewerb und in einem aufreibenden Kampf um Aufmerksamkeit. Da spielt die Zahl der Erwähnungen in den Medien eine wichtige Rolle, eine wichtigere jedenfalls als die Substanz, denn man kann sie (wie „Bologna“) in Zahlen und Punkte umrechnen. Und ihre PR- und Kommunikationsabteilungen müssen täglich die Existenzberechtigung unter Beweis stellen, indem sie fleissig und unverzagt Mitteilungen in die Welt setzen, auch wenn es gar nichts mitzuteilen gibt.

Ich habe schon lange den Verdacht, dass solche Banalitäten und Plattitüden des akademischen Betriebes auf den massenhaften Zugang zur universitären Bildung zurückzuführen sind – nach dem Grundsatz, dass Quantität und Qualität sich gegenseitig ausschliessen. Zugleich befürchtete ich, das sei vielleicht ein elitärer und daher politisch nicht ganz korrekter Gedanke. Anders ausgedrückt: Ich hatte bei diesem Gedanken ein in leichtem Grade vermindertes gutes Gewissen – nicht sehr, nicht, dass es mich um den Schlaf gebracht hätte, nicht mal um den Mittagsschlaf ...

Damit ist jetzt Schluss, denn ich habe Support erhalten, und zwar nicht von irgendwem, sondern vom Physiker Rolf Tarrach, der die European University Association präsidiert (die EUA vertritt 850 Universitäten aus 47 Ländern). O-Text Tarrach aus einem Interview in der NZZ: „Vor einem Jahrhundert leisteten wenige Forscher Grosses, in meinem Fach, der Physik, etwa allein in Zürich Albert Einstein, Wolfgang Pauli oder Erwin Schrödinger. Heute liegt das Durchschnittsniveau der Forscher auf der ganzen Welt tiefer, weil es einfach viel mehr von ihnen gibt und ihre Arbeit zu einem normalen Beruf geworden ist. Es gilt der Grundsatz ‚Publish or perish‘. Entsprechend wird vieles publiziert, was eine Veröffentlichung nicht wert ist. (…) Die Qualitätssicherung wird sicher zu den ganz grossen Herausforderungen für die Universitäten.“

15. Juli 2018

Zur Person
Meinrad Buholzer, Jahrgang 1947, aufgewachsen in Meggen und Kriens, arbeitete nach der Lehre als Verwaltungsangestellter auf Gemeindekanzleien, danach als freier Journalist für die Luzerner Neuesten Nachrichten LNN. 1975 bis 2012 leitete er die Regionalredaktion Zentralschweiz der Schweizerischen Depeschenagentur SDA. Einen Namen machte er sich auch als profunder journalistischer Kenner der Jazzszene. 2014 erschien sein Rückblick aufs Berufsleben unter dem Titel «Das Geschäft mit den Nachrichten – der verborgene Reiz des Agenturjournalismus» im Luzerner Verlag Pro Libro.