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„Oh Freunde, es gibt keinen Freund“  -   Aristoteles

Von Marco Meier

Ob es etwas gäbe, das sie bedauern, vernachlässigt zu haben oder in einem „anderen“ Leben anders machen würden, sind Menschen in ihrer letzten Lebensphase gefragt worden. Sehr viele ältere Menschen antworteten, sie hätten im Leben ihren Freunden mehr Zeit widmen sollen. Warum wohl kommt man erst spät im Leben zu dieser Einsicht? Hatte man vielleicht gar nicht wirklich wahrgenommen, als man noch „mitten“ im Leben stand, wie wichtig Freunde sind? Oder hatte man gar auf die „falschen“ Freunde gesetzt? Gibt es gute und schlechte Freunde? Und vor allem: War man selbst anderen je ein guter Freund? Der hier im Titel zitierte Satz des griechischen Philosophen Aristoteles deutet an, dass im Umgang mit Freunden immer das Paradox mitspielt. Vielleicht liegt es in der Logik von Freundschaften, dass man deren Wert erst gegen Ende seines Lebens richtig spürt.

Schonungslose Aussagen dazu hat der amerikanische Autor Philip Roth gemacht. Er spricht vom Alter als einem Massaker. Und er meint damit nicht primär die Tatsache, dass im Alter der Radius des biologischen Lebens immer enger wird, dass einem fast täglich Freiheiten genommen werden. Er spricht von seinem Adress- und Telefonverzeichnis, das sich zunehmend zum Friedhof wandle. Tag für Tag müsse er Adressen und Telefonnummern streichen. Bald bliebe nur noch eine Handvoll Freunde übrig. Die Literatur ist voll von Geschichten über Freundschaften. Es scheint also nicht so zu sein, dass die Menschen deren Wert grundsätzlich unterschätzten. Vielleicht müsste man sich im Lauf des Lebens ab und zu selbst befragen, welches die Menschen sind, die man zu seinen wirklichen Freunden zählt. Man kann aber Freunde nicht auf die Probe stellen. Das wäre kein freundschaftliches Verhalten. Ich vermute, dass man im Berufsleben zu oft auf „Freundschaften“ setzt, die nur im gemeinsamen beruflichen Wirken begründet sind. Wer sein Leben lang, wie es einst durchaus noch möglich war, in einer Firma unterwegs ist, wird schwerlich feststellen können, wer von seinen Berufskollegen in Tat und Wahrheit auch ein Freund ist.

Es gibt ein Buch des Schweizer Soziologen, Schriftstellers und Künstlers Urs Jäggi, das ich zum Thema alle paar Jahre wieder hervorhole, um darin zu lesen: „Versuch über den Verrat“ (Darmstadt 1984). Jäggi hat in seinem reichen Leben ein paar radikale biografische Brüche gewagt. Er war Professor der Soziologie, zuletzt an der Freien Universität Berlin. In den 80er-Jahren wurde für ihn das Schreiben immer wichtiger. Das empfanden die akademischen „Freunde“ in gewisser Weise als einen Verrat an der eigenen Zunft. Als sich Jäggi dann auch noch mehr und mehr der bildenden Kunst zuwandte, war wiederum die schreibende Gemeinde brüskiert. Jäggi, irgendwie immer noch soziologisch interessiert, hatte in seinem Versuch über den Verrat darüber nachgedacht, warum Freundschaften so oft nur im instrumentellen Biotop der gemeinsamen beruflichen Arbeit gründen. Urs Jäggi war mir ein Beispiel. Seine Mehrfachbegabungen liessen ihn Freundschaften auch viel umfassender verstehen. Heute würde man wohl sagen, er habe eine integrale und nachhaltige Vorstellung von Freundschaft. Status ist für ihn als Kriterium von Freundschaft eher verdächtig.

Die Erfahrung ist schmerzlich, aber wichtig. Viele Freunde blieben dies nur, so lange man den gemeinsamen beruflichen Zirkel nicht verlässt. Wer diese Erfahrung nie gemacht hat, wird sich irgendwann fragen, ob wirklich Freunde waren, die einem einst, als man beruflich noch in Amt und Würde stand, so aufmerksam umtänzelten. Und sich dann plötzlich verflüchtigten, als man beruflich den Wechsel wagte. Da lobt man sich die Freunde aus der Schulzeit. Keiner wusste damals noch vom anderen, was er einst werden würde. Und bald sind alle pensioniert.

Zur Person
Marco Meier, geboren 1953 in Sursee, ist Publizist und Philosoph. Als Chefredaktor der Kulturzeitschrift „du", als Redaktionsleiter und Moderator der „Sternstunden" beim Schweizer Fernsehen und als Programmleiter des Kulturradios DRS 2 hat er während 30 Jahren umfassende mediale Erfahrungen gesammelt. Marco Meier ist Mitglied des Vorstands der Kunstgesellschaft Luzern und sitzt im Stiftungsrat der Fotostiftung Schweiz. Er ist assoziierter Fellow des Collegium Helveticum der ETH und Uni Zürich und leitet seit Sommer 2012 das
Lassalle-Institut in Bad Schönbrunn bei Zug. Marco Meier lebt mit seiner Familie in Luzern.