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Die Philosophin Lisa Schmuckli spricht über das Ärgernis Autonomie.

Wie gelingt es, in Situationen von Abhängigkeit integer zu bleiben?

Warum ist es eigentlich so schwierig, im Alter Hilfe anzunehmen? Weil wir so einseitig auf Autonomie setzen, sagt die Luzerner Philosophin Lisa Schmuckli. Sie plädiert stattdessen für Integrität auch in Abhängigkeitsverhältnissen.

Beat Bühlmann (Text) und Hans Beat Achermann (Bild)

Ärgernis Autonomie. Vom Wunsch schwach sein zu dürfen, ohne Macht und Abhängigkeit zu provozieren. Unter diesem Titel lud das Forum Luzern60plus zum Nachdenken und Diskutieren über Autonomie und Selbstbestimmung ein. Über sechzig Frauen und Männer folgten der Einladung zur öffentlichen Philosophiestunde mit Lisa Schmuckli im Laboratorium.

Der Zwang zur Selbstoptimierung

"Älter werden ist ok. Schwächer werden nicht." Mit diesem plakativen Werbespruch eines Fitnesszentrums stieg die Luzerner Philosophin in das Referat ein. Die gegenwärtige Ökonomisierung und Beschleunigung forderten schamlos von allen eine Selbstoptimierung. Jede Person müsse sich geistig, körperlich, psychisch fit halten für einen rasant veränderten Arbeitsmarkt und eine von der Digitalisierung mehr und mehr gesteuerte Ökonomie. Dieser Zwang zur Selbstoptimierung werde als Garant für Erfolg angepriesen, mit der Konsequenz, so Lisa Schmuckli, "dass das Alter fast nur noch als Gesundheitsfaktor wahrgenommen wird und Erfahrungen und Gefühle als eigentliche Störfälle im reibungslosen Ablauf gelten". Eine solche Selbstoptimierung sei die "neoliberale Variante von Autonomie".

Zu dieser Selbstbestimmung macht Schmuckli ein grosses Fragezeichen. Autonomie sei, philosophisch gesprochen, kein Freipass für egoistisches Verhalten. Doch in unserer Gesellschaft sei Autonomie eine unhinterfragte, normative Vorgabe. "Wir leben in einer Zeit, die vom Imperativ geprägt ist: Sei autonom!", konstatiert die Philosophin. Autonomie, so verstanden, sei eine Chimäre. Denn wir seien - im beruflichen wie im familiären Umfeld - im Austausch aufeinander angewiesen.

"Autonomie wird herrisch"

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Versehrtheit, mit dem eigenen körperlichen Alterungsprozess und Zerfall sei unabdingbar, um sich in seiner Haut weiterhin wohl zu fühlen. Doch was wir heute pflegen, ist der "Mythos der Unversehrtheit", wie Schmuckli kritisch anmerkt, und dieser Mythos ist mit dem Älterwerden nicht zu vereinbaren. Wer im Alltag Hilfe brauche, fühle sich schnell alt und abhängig. Die Vorstellung etwa, sich beim Duschen helfen lassen zu müssen, löse Angst, Entrüstung, Abwehr und vielleicht auch Scham aus. Und mit dieser Vorstellung verbinde sich das Gefühl von Autonomie-Verlust. Doch diese traditionell verstandene Autonomie sei in ihrer Ausschliesslichkeit weder wünschenswert noch attraktiv. "Autonomie wird herrisch, wo sie die Erfahrung von Schwäche, Abhängigkeit und Bedürftig-sein diffamiert", sagt Schmuckli. Dieses Konzept von Autonomie verpanzere den Zugang zum Wesentlichen des Menschen: nämlich zum Austausch untereinander, zum Miteinander-Sein.

Bedeutsamer als absolute Selbstbestimmung sei die Selbstachtung, sodass "für das persönliche Selbstgefühl die eigene Achtung nicht kleiner werden muss, auch wenn man sich helfen oder gar betreuen lässt", sagte Lisa Schmuckli. Die entscheidende Frage sei für sie deshalb weniger jene nach der Autonomie im Alter, sondern nach der eigenen Vorstellung von Integrität in Abhängigkeitsverhältnissen. "Wie gelingt es mir mit Hilfe von anderen, in Situationen von Abhängigkeit und Austausch, integer zu bleiben?" Die zentrale Frage war gestellt, die Diskussion im Publikum rege. Doch die Antworten sind individuell zu finden.  - 31.2.1019

Das Referat

Philosophische Diskussion beim Forum Luzern60plus im Laboratorium.