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Sepp Riedener – ein Christ der Tat

Von Marietherese Schwegler (Text) und Joseph Schmidiger (Bild)

Wer mit Sepp Riedener in der GasseChuchi verabredet ist, muss die Aufmerksamkeit des Vaters der Gassenarbeit mit anderen teilen. Manche Gäste, die für ein warmes Zmittag hinkommen, wollen Sepp schnell etwas erzählen, wenigstens Grüezi sagen und zeigen, dass sie sich freuen, ihn zu sehen. Doch Sepp, der vor zehn Jahren ins Pensionierungsalter kam, kann sich abgrenzen, ohne jemand zurückzuweisen. Um über seine eindrückliche Lebensgeschichte zu sprechen, ist es aber doch ratsam, sich in einen ruhigen Raum zurückzuziehen.

Da beginnt der studierte Theologe Sepp Riedener zunächst beim jetzigen Rentnerleben, das noch immer ein aktives ist. Als Freiwilliger stellt er zum Beispiel seine grosse Erfahrung im Fundraising für mehrere soziale Institutionen und Projekte zur Verfügung. Im Lauf der Jahrzehnte hat er schon für die kirchliche Gassenarbeit jährlich Zehntausende von Franken zusammengebracht – und dabei auch wichtige Beziehungen aufgebaut. „Viele Stiftungen und wohlhabende Leute sind bereit zu geben, sofern man ihnen ein überzeugendes Konzept vorlegt. Professionelles Vorgehen ist wichtig; ein bisschen Theologie zum Streicheln reicht nicht“, sagt er, der sich schon früh auch in Fundraising hat ausbilden lassen.

Inneres Feuer und Professionalität für ein Lebenswerk
Professionalität, gute Beziehungen und Vertrauenswürdigkeit: Das waren wesentliche Faktoren, die Sepp Riedener zum Erfolg auf einem nicht unbedingt einfachen Gebiet verholfen haben: der Arbeit mit randständigen Menschen, mit Suchtbetroffenen, die auf der Gasse leben. Es ist das, was er zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat. Er begründete in Luzern die Gassenarbeit, die er als Pionier aus dem Nichts entwickelt und über die Jahre zu einer unentbehrlichen Organisation mit mehreren sozialen Einrichtungen geführt hat. Seit 1993 stehen diese unter dem Dach des Vereins Kirchliche Gassenarbeit Luzern. Um nur die wichtigsten Einrichtungen zu nennen, die im Lauf der Zeit entstanden, vereinzelt auch nur für begrenzte Zeit: Gassenarbeit, GasseChuchi, Kontakt- und Anlaufstelle (früher: Fixerraum), Krankenzimmer, medizinisches Ambulatorium, GasseZiitig, das Kinderprojekt Paradiesgässli …

Die Anfänge in Luzern
Als Sepp Riedener 1976 nach Luzern kam, war er kirchlicher Jugendseelsorger und gab Religionsunterricht. Von Anfang an interessierte er sich auch für die sich ausbreitende Drogenszene. „In Luzern gab es damals keine Randgruppenarbeit, das war Brachland“, erinnert er sich. Hier sah er eine Aufgabe im Aufbau von unterstützenden Strukturen. Er war zunächst ein Mitbegründer des Drogen Forums Innerschweiz, das u.a. eine Therapeutische Wohngemeinschaft für Drogenabhängige aufbaute. Zudem engagierte sich Sepp Riedener für die suchtbetroffenen Leute auf der Gasse – der Anfang der professionellen Gassenarbeit. Als kirchlicher Jugendseelsorger suchte und fand er die Unterstützung von den Kirchen. Ganz bewusst ging er sein Projekt ökumenisch an, nicht zuletzt aus persönlichen Motiven, räumt er heute freimütig ein: „Dann konnte mir kein Bischof dreinreden und ich hatte mehr Freiraum.“ Denn sein Verhältnis zur katholischen Kirche war damals ein ambivalentes.

Die Lüge im Beichtstuhl
Um dies zu verstehen, heisst es zurückblenden auf Sepp Riedeners Kindheit in Kreuzlingen und auf sein Theologiestudium. Er wuchs in einer armen Familie auf, zusammen mit drei Geschwistern. Weil sein Vater früh starb, war die Mutter alleinerziehend, ging putzen und hielt die Kinder an, ja nicht aufzufallen: „Sie wollte uns davor bewahren, Verdingkinder zu werden. Ja, die Armut zwang uns zur Angepasstheit“, sagt Sepp.

Mit 12 Jahren stand die Firmung an, und vorher ging Sepp beichten. Im Beichtstuhl fragte ihn der auswärtige Pater, ein Redemptorist, was er denn einmal werden möchte. „Ich wollte immer Kondukteur werden. Aber auf die unerwartete Frage muss ich doch etwas Frommes antworten, dachte ich. Also sagte ich spontan: Ich will Priester werden.“ Das erzählt Sepp Riedener heute, weil diese Spontanlüge im Beichtstuhl zur entscheidenden Weichenstellung für sein Leben wurde. Denn der Pater wusste es aufzugleisen, dass der Bub, der selber niemals an die Möglichkeit eines Studiums gedacht hatte, noch im selben Jahr in ein Internat der Redemptoristen kam und dort das Gymnasium begann. Buben, die Priester werden wollten, waren gesucht. Der Dorfpfarrer freilich dachte, der arme Bub wäre zu dumm für ein Studium und erlaubte ihm das Kollektieren, zu Deutsch Betteln, in den Ferien nur, falls er gute Noten hätte. Kein Problem für Sepp, der sich bald zum Vorzeigegymnasiasten entwickelte. Und der im Internat einen steilen sozialen Aufstieg erkannte: Er fühlte sich dort wohl, hatte eine gute Matratze und einen eigenen Schrank. Und er war sehr angetan von der Grundhaltung des Ordens, sich für die Armen einzusetzen.

Priester auf Zeit
Also folgte eins aufs andere: Matura, Noviziat im Kloster des Ordens, Theologiestudium in München, 1969 Primiz im Heimatdorf Kreuzlingen. Dann wurde Sepp Riedener Vikar in einer Pfarrei, wo er erste Erfahrungen in der Jugendarbeit machte – und dabei Martha, die Präsidentin der Jugendorganisationen kennenlernte. Da wurde der Wunsch wach und bald immer stärker, mit Martha zusammenzuleben. Was bedeuten würde, aus dem Orden auszutreten!

Als Vorbereitung auf ein kirchenunabhängiges Leben machte der junge Priester in München ein Studium der Sozialarbeit. Hier wieder materielle Entbehrungen, weil die Unterstützung des Ordens ausblieb. „Und meine geistliche Mutter machte moralisch Druck: Wenn ich aus dem Priesteramt aussteigen würde, dann würde sie sich das Leben nehmen“, erinnert sich Sepp an diese stressige Zeit. „Ich entschied mich für mein Leben! Und sie lebte dann noch 20 Jahre.“

1974, fünf Jahre nach der Priesterweihe, wurde Sepp auf Antrag in den Laienstand zurückversetzt. Aber die urchristliche Idee des sozialen Engagements wollte er aus Überzeugung weiterverfolgen, etwas, was Martha mit ihm teilte. 1975 heirateten die beiden, im Jahr drauf kamen sie nach Luzern. Innerhalb von acht Jahren kamen drei Söhne und eine Tochter auf die Welt.

Ambivalentes Verhältnis zur Kirche
Verständlich, dass sein Verhältnis zur katholischen Kirche zwiespältig ist: Einerseits schaffte er dank dieser Kirche den Ausstieg aus der Armut. Aber um den Preis von materieller Abhängigkeit und moralischem Druck, den etwa der Pfarrer und die geistliche Mutter auf ihn ausgeübt haben. „Mutter Kirche hat mich damals so ans Herz gedrückt, dass ich fast keine Luft mehr kriegte“, sagt Sepp Riedener. Auch heute distanziert er sich von der Amtskirche, spürt aber unter Papst Franziskus positive Signale. Seine Kirche, meint er, sei jene an den Rändern der Gesellschaft. In der Stadt Luzern seien die Diakoniearbeit und das Engagement für Randgruppen überdurchschnittlich wichtig. „Das ist eine Kirche, die ich gern habe.“

Die Arbeit für Randständige hat Sepp Riedener während rund 30 Jahren mit Leib und Seele ausgeübt. Blieb da noch Zeit für die Familie? „Oh, meine Familie kam zu kurz! Ich habe Martha mit den Kindern oft allein gelassen. Habe Leute von der Gasse zu Hause untergebracht. Nur mit viel Glück kam es nicht zur Trennung.“ Keine Beschönigung, sondern glasklare Selbstkritik, auch das ist Sepp Riedener. Zumindest hätten die Kinder positiv auf sein Engagement reagiert, kamen mit zur Weihnachtsfeier in die GasseChuchi. „Mein ältester Sohn, heute CEO in einem Industriebetrieb, sagte mir vor kurzem: Du hast uns viel zu sozial erzogen, ich kann nicht ellbögeln“, erzählt er schmunzelnd.

Heute kann Sepp Riedener etwas von der Zeit, die er früher für die Familie nicht aufbringen konnte, in seine Enkel investieren. Jeden Montag kocht er bei Sohn und Tochter und hütet drei Enkel. Eine Quelle der Erholung sei für ihn das Gehen. „Alleine wandern, immer den gleichen Weg. Da bin ich bei mir, das ist meditativ.“ Und aus dem früheren Zuviel hat er etwas gelernt: „Ich kann jetzt dosieren. Ich muss nicht mehr alles.“
9. Januar 2018

Das Buch zum Vertiefen: Adrian Loretan u.a. (Hg.) Kirchliche Gassenarbeit Luzern. Eine 30-jährige Zusammenarbeit von Kirchen und staatlichen Institutionen zugunsten von suchtbetroffenen Personen. ReligionsRecht im Dialog Bd. 22. LIT Verlag 2016.