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Judith Stamm Foto: Joseph Schmidiger

Wer fühlt sich gekränkt?

Von Judith Stamm

Seit Wochen lese ich ein Buch, das sich mir absolut widersetzt. Der Titel lautet: «Die digitale Kränkung. Über die Ersetzbarkeit des Menschen». Geschrieben hat es Matthias Zehnder, geboren 1967. Er studierte Germanistik und Philosophie, promovierte in Medienwissenschaften und beschäftigt sich seit den 90er Jahren mit Themen rund um die Digitalisierung. Es ist ein Trick, dass ich das Buch nun nicht «bespreche», sondern eben in meiner Kolumne «bearbeite». Ich finde es nämlich sehr lesenswert und will es auf diese Weise weiteren Interessierten schmackhaft machen.

Das Buch umfasst etwas mehr als hundert Seiten, enthält eine Fülle an Gedanken, Hinweisen und Anregungen. Es ist weder ein dicker Wälzer, noch ein gewichtiger Schmöker. Es ist elegant aufgemacht, liegt leicht in der Hand, wo ist das Problem?

Da ist einmal die Geschichte der Kränkung der Menschheit, die das Buch durchzieht. Ich bekenne meine Ignoranz, davon wusste ich gar nichts. Es handelt sich um eine Theorie von Sigmund Freud, die er in einer Studie 1917 veröffentlicht hat. Gemäss dieser Studie gebe es drei grosse historische Kränkungen des Menschen. Die erste sei geschehen, als entdeckt worden sei, dass die Erde um die Sonne kreist. Diese Geschichte ist verknüpft mit dem Namen Galileo Galilei (1564-1641). Zum zweiten Mal sei die Menschheit gekränkt worden, als Charles Darwin (1809-1892) seine Evolutionstheorie entwickelt und veröffentlicht habe. Und der dritte Kränker sei Sigmund Freud (1856-1939) selbst gewesen, weil er die Menschen in einer epochemachenden Studie damit konfrontiert habe, dass ihr Selbstbild ergänzt werden müsse durch das, was sich in ihrem Unterbewusstsein abspiele.
Persönlich kann ich nicht nachvollziehen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse Kränkungen darstellen sollen. Sie bereichern unser Weltbild, weiten unseren Horizont, ist meine Meinung.

Gehen wir in die Gegenwart. Was geschah am 11. Mai 1997 um 16.00 Uhr in einem Hochhaus in Manhattan, im 35. Stockwerk? Ein Computer namens Deep Blue hatte den amtierenden Schachweltmeister Garry Kasparow in einem regulären Match geschlagen! Der beste Schachweltmeister der Welt war von einer Maschine geschlagen worden! Das war nach Zehnder die vierte grosse Kränkung der Menschheit! Scheint mir gar nicht überzeugend. Vielleicht sind ja die Tage dieser Menschheit längst gezählt und neigen sich sowieso dem Ende zu. Und diese aktuelle Ungewissheit bewirkt bei mir die grössere Verunsicherung als die Meldung, dass Deep Blue besser Schach spiele als Garry Kasparow!

Diese Verunsicherung ist aber keine «Kränkung». Sie wird uns nicht von unbekannten Mächten zugefügt. Mit unserem Verhalten arbeiten wir selbst auf die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen hin. So konnten wir es schon früher und wieder in diesen Tagen aus dem Munde des anerkannten Klimaforschers Reto Knutti von der ETH Zürich hören. Er sprach in mahnenden Worten am diesjährigen Kongress der schweizerischen Strombranche in Bern (16./17. Januar) über den Klimawandel.

Um auf das Buch von Zehnder zurückzukommen: es war nicht nur der beste Schachspieler aller Zeiten, der von einer Maschine geschlagen wurde. Dasselbe geschah dem besten Spieler der Welt im Dame-Spiel. Und 2016 gelang es einem Experimentalcomputer den besten Spieler des komplexesten asiatischen Brettspiels «Go» spektakulär zu bezwingen. Und daraus schliesst Matthias Zehnder, nach weiteren erhellenden Ausführungen, am Schluss seiner Einführung ins Buch: «Es besteht kein Zweifel: Der Sieg von Deep Blue über Garry Kasparow war kein Zufall. Es war der Anfang vom Ende der verstandesmässigen Vorherrschaft der Menschen. Der Mensch hat ausgespielt.»

Als Leserin sitze ich ob dieser Schlussfolgerung geradezu «knocked out» vor dem Buch. Aber keine Bange, Hilfe naht. So ganz langsam ging mir beim Lesen auf, dass der Autor zwar häufig von Menschheit, von Menschen sprach, aber eigentlich immer die Männer meinte. Gegen Ende des Buches besinnt er sich auf den Schweizer Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) und seine Erkenntnis, dass der Mensch aus «Kopf, Herz und Hand bestehe». Und wenn seinerzeit die Dampfmaschine die Muskelkraft, also die Hand des Menschen ersetzte, die Künstliche Intelligenz nach dem Kopf des Menschen greift, was bleibt ihm dann zum Überleben? Richtig: das Herz! Das Herz, gemäss Zehnder, als Sinnbild für das, «was man nicht zählen und berechnen kann: Gefühl, Intuition, Empathie, soziales Verhalten, Kreativität, soziokulturelle Fähigkeiten und das Streben nach geistigen Werten und Erfüllung».

Jetzt kommt es aber noch besser. Zehnder meint in seinen Schlussfolgerungen: «Die letzten 250 Jahre haben die Männer Bildung und Ausbildung bestimmt. Jetzt kommt ein Zeitalter, in dem wir mehr auf die Frauen hören sollten -...», wobei er diese Aussage sofort wieder relativiert durch die Bemerkung, dass beide Geschlechter über Gefühle, Intuition, Empathie, Kreativität verfügen, wenn sie diese denn zulassen. Dem stimme ich natürlich zu. Das Buch besticht durch seine Originalität. Es zeichnet in grossen Linien die Entwicklung der Menschen nach. An Beispielen lernen wir viel darüber wie heute die digitalisierte Welt funktioniert und wie die Resultate zustande kommen, die uns immer wieder verblüffen. Und es hält uns den Spiegel über unseren eigenen Umgang mit der digitalen Welt vor.

Zum Schluss noch dies (in Anlehnung an den ehemaligen Tagesschausprecher Charles Clerc): Die anfängliche Mühe bei der Lektüre des Buches verwandelte sich fortlaufend in vergnügte Neugier! – 3.2.2020 
Judith.stamm@luzern60plus.ch

Matthias Zehnder: «Die digitale Kränkung. Über die Ersetzbarkeit des Menschen». 2019 NZZ Libro, Schwabe Verlagsgruppe AG
ISBN 978-3-03810-482-7

Zur Person
Judith Stamm, geboren 1934, aufgewachsen und ausgebildet in Zürich, verfolgte ihre berufliche und politische Laufbahn in Luzern. Sie arbeitete bei der Kantonspolizei und bei der Jugendanwaltschaft, vertrat die CVP von 1971 - 1984 im Grossen Rat (heute Kantonsrat) und von 1983 - 1999 im Nationalrat, den sie 1996/97 präsidierte. Sie war 1989 - 1996 Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen und 1998 - 2007 Präsidentin der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft.