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Das Kontrastprogramm

 

Von Beat Bieri

Just heute Morgen hatte ich ein Geschenk im Briefkasten: Ein Exemplar der neusten «Weltwoche» mitsamt einem Brief des Chefredaktors und Verlegers Roger Köppel, worin er sein Blatt als «das wöchentliche Kontrastprogramm zum Medien-Mainstream» zum Kauf anpries. Jetzt könnte man allenfalls meinen, dass ich beleidigt sei ob dieser Begrüssung, da ich als SRF-Mitarbeiter nach Köppels Definition ja ebenfalls Teil dieses «Medien-Mainstreams» bin. Nun, ich bin nicht beleidigt, im Gegenteil, das laute Trompeten des Zürcher Verlegers amüsiert mich. Der «Medien-Mainstream» ist ein Gespenst, das dieser Journalist und SVP-Nationalrat zur Beschwörung der eigenen Einzigartigkeit und Unerlässlichkeit seit Jahren am Leben erhält.

Die Zeiten für bezahlten Journalismus und dessen Betreiber sind hart, die Gratis-Online-Konkurrenz ist unerbittlich und fürs Informationsgewerbe ziemlich zerstörerisch. Und wer da nur «Mainstream» bietet, wird kaum überleben. Überhaupt, was heisst schon Mainstream»? Wenn fast alle feststellen, die Erde sei eine Kugel, ist das Mainstream? Bedarf es da eines mutigen Widerborstigen, der dagegenhält, mit einem «Kontrastprogramm», wonach die Erde eine Scheibe sei? Wenn 98 Prozent der Wissenschaftler einen Klimawandel, mitverursacht durch den Menschen, erkennen, soll man sich da an die anderen zwei Prozent halten, die das – aus welchen Gründen auch immer - verneinen?

Origineller wäre das natürlich schon, doch statt Erkenntnis schafft man bloss Verwirrung. Es ist jedenfalls kein Dienst zur Ermächtigung der Leserschaft, wenn man das Offensichtliche in Abrede stellt. Jenseits des Offensichtlichen gibt es ja noch genügend Unklarheiten in dieser unübersichtlichen Welt, über die es sich zu streiten lohnt.

Nachfolgend eine eigene Erfahrung zum Thema «Kontrastprogramm», keine grosse Sache gewiss, doch geeignet, die Funktionsweise dieses exklusiven journalistischen Prinzipes zu erläutern: Vor sechs Jahren habe ich für SRF einen Dokumentarfilm über Sepp Blatter und die Fifa gemacht, ein kritischer, doch fairer Film, so meine ich, jedenfalls hat niemand dagegen Klage erhoben, keine Aussage in diesem Film, keine Information wurden bestritten.

Kurz danach publizierte die «Weltwoche» ein Interview mit Sepp Blatter, offenkundig auch als Reaktion auf den Dokfilm. Denn gleich in einer der ersten Fragen wurde Blatter um seine Meinung zu diesem Film gebeten, worauf er antwortete: «Die Unseriosität der Angriffe zeigt sich darin, dass man mich gar nicht erst fragt.»

Das war eine Lüge. Und auch die zwei Journalisten, die das Interview machten, Köppel und Walter De Gregorio, wussten das selbstverständlich. Denn das wäre in der Tat ein journalistisch-handwerklicher Skandal gewesen, wenn SRF Blatter keine Möglichkeit eingeräumt hätte, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen (und man hätte dem Schweizer Fernsehen genüsslich, auf jeden Fall zu recht einen Strick gedreht). Doch der Fifa-Präsident hatte damals auf unsere Fragen nichts sagen wollen, zwei Wochen lang hatten wir vergeblich versucht, mit ihm ins Gespräch zu kommen.

Sepp Blatter zog ein freundliches Interview bei der «Weltwoche» vor. Und so waren alle Beteiligten zufrieden: Der Chefredaktor hatte sein «Exklusiv-Interview», der Ko-Interviewer, De Gregorio, bekam wenig später das wohldotierte Amt eines Fifa-Kommunikationsdirektors und Blatter seine Titelschlagzeile: «In der Fifa gibt es keine Korruption». 

Das war zwar eine absurde Aussage angesichts der längst aktenkundigen Fifa-Korruptionsfälle, ebenso gut hätte Blatter behaupten können, die Erde sei eine Scheibe. Doch die Leserschaft erhielt, wie versprochen, «ein Kontrastprogramm».

«Postfaktisch» nennt man solche Kontrastprogramme: Es ist egal, ob etwas stimmt, es muss nur laut und aggressiv genug verkündet werden. Donald Trump ist nicht der Erfinder dieser Art zu informieren, doch er ist gewiss der virtuoseste darin.

18. Oktober 2016

Zur Person

Beat Bieri (1953), geboren in Luzern und dort mit seiner Familie immer noch wohnhaft, arbeitete in den siebziger und achtziger Jahren für die «Luzerner Neuste Nachrichten»,  war danach Redaktor beim Wirtschaftsmagazin «Bilanz». Seit über 20 Jahren wirkt er nun für das Schweizer Fernsehen, heute als Dokumentarfilmer. Eine Reihe von Filmen (unter anderem «Neue Heimat Lindenstrasse») hat er mit dem Luzerner Journalisten Ruedi Leuthold realisiert.