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Droht die kollektive "Selbstentsorgung"?

Von Bettina Hübscher

"Wann ist es Zeit zu sterben?" So titelte die Journalistin, Theologin und Ökonomin Nina Streeck ihren Artikel in der Wochenzeitung "NZZ am Sonntag" vom 25.5. 2014". Ja, wann ist es denn Zeit dazu? Abschliessend konnten und wollten die Referierenden an der Impulstagung im RomeroHaus diese Frage nicht beantworten.

Auch den letzten Akt gestalten?
Soll man dem Tod ein Schnippchen schlagen, in dem man den Zeitpunkt des eigenen Gehens selbst bestimmt? Mit Hilfe von Sterbehilfeorganisationen „Exit machen", wie es eine von Nina Streeck interviewte schwerkranke Frau beschrieb? Den Sterbeprozess als absolutes Ausgeliefertsein, letzte Unfreiheit und narzisstische Kränkung umgehen durch assistierten oder aktiven Suizid? Sich selbst vernichten und dem Credo des Theologen Hans Küng  folgen „glücklich sterben heisst selbstbestimmt sterben»? Oder die Hilfe der modernen Palliativmedizin in Anspruch nehmen und den Sterbeprozess mit Unterstützung durchleben und durchleiden. Das Sterben sehen als Teil des Lebens, als letzte Phase, die zu gestalten und auch gestaltbar ist. Gehört es zu den gesellschaftlichen Errungenschaften unserer  Zeit, dass im Zuge der Autonomie des modernen Menschen dieser letzte Akt gefälligst gestaltet wird?

Nina Streeck erläuterte verschiedene Positionen berühmter Persönlichkeiten, deren Freitod medial aufbereitet wurde. Der in Deutschland bekannte ehemalige Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks Udo Reiter, der Entdecker und Förderer von Fernsehgrössen wie Thomas Gottschalk und Günther Jauch war, erschoss sich auf dem Balkon seines Hauses. Der Abschiedsbrief wurde von Moderator Günther Jauch in der Sendung mit dem Titel „Udo Reiters letzter Wille – dürfen wir selbstbestimmt sterben?" vorgelesen und entfachte eine heftige Debatte über Recht und Unrecht von Selbsttötung und Selbstbestimmung beim Sterben.

Mit 75 sterben
Der amerikanische Bioethiker  Emanuel Ezekiel provozierte mit seiner Aussage „Ich hoffe, ich sterbe mit 75".  Er war damals 57-jährig und argumentierte damit, er wolle als wertvolles Mitglied der Gesellschaft sterben, ohne seine Intelligenz, Kreativität und Lebenskraft niedergehen zu sehen. Emanuel Ezekiel vertrat weder den assistierten Freitod noch Euthanasie. Sein Plan war, einfach aufhören, zum Arzt zu gehen, keine Vorsorgeuntersuchungen, keine Medikamente. So seine Annahme, würde er seinen Sterbeprozess nicht unnötig hinauszögern und damit „on the old fashioned style" irgendwann an einer Grippe, an einer Lungenentzündung, Krebs oder an einer anderen behandelbaren Krankheit zu sterben.

Besorgnis erregend fand die Referentin die Zunahme der Mitgliedschaften bei Exit und Dignitas. Droht die Gefahr der kollektiven „Selbstentsorgung" von altem und damit nicht mehr als wertig angesehenem Leben und damit ein Alters-Werther-Effekt? Ein gesellschaftlicher Druck, im Zuge der Machbarkeit der modernen Medizin auch diesen letzten Akt aktiv zu vollziehen?  Wie Beat Bühlmann in seinem Beitrag erläuterte, ist der Begriff „Altersfreitod" problematisch. Wie frei ist der Mensch als soziales Wesen, der eingebunden ist in Familie, Freundeskreis und Umfeld? Ein totaler Individualismus, der völlige Entscheidungsfreiheit bietet, ist für uns alle, weder im Leben noch im Sterben, anzustreben.

Sterbeprozess gestalten
Georg Bosshard, Leitender Arzt der Klinik Geriatrie des Universitätsspitals Zürich, erläuterte das „Paradoxon des Wohlbefindens im Alter". Ein in der Gerontologie beschriebenes und erforschtes psychologisches Phänomen, das dem alternden Menschen ermöglicht, sein Leben neu zu bewerten und möglich macht,  auch mit Schmerzen, Einsamkeit und Immobilität Lebensfreude zu erhalten. Den Willen zu entwickeln, trotz vielen Einschränkungen lange leben zu wollen und eventuell die in der vor Jahren erstellten Patientenverfügung formulieren Wünsche zu  revidieren. Die Medikamente weiter zu nehmen, die Behandlung fortzuführen, auch wenn das in Aussicht stehende Leben nur noch wenige Monate beträgt.

Die moderne Palliativmedizin weiss um dieses Phänomen und hat neue Instrumente wie das Advance Care Planning eingeführt, das es Ärzten, Pflegenden und Patienten ermöglicht, den Sterbeprozess aktiv und flexibel zu gestalten. Die Sorgen und Wünsche des Patienten, seine Wertvorstellungen, sein Krankheitsverständnis und seine Wünsche für die Betreuung und Behandlung werden ausgehandelt und adaptiert, je nach Stadium einer Krankheit oder des Sterbeprozesses. Georg. Bosshard relativiert denn auch die Zahl der Todesfälle durch Suizidbeihilfe. Von zirka 63 000 Todesfällen pro Jahr sind unter 1000 durch Suizidbeihilfe verursacht. Im Zuge der grösser werdenden Gruppe der Hochaltrigen finden zwei Phänomene Zuwachs: Immer mehr Menschen werden immer älter. Damit steigt auch die Wahrscheinlichkeit der Entwicklung einer Demenz mit den bekannten Herausforderungen für Gesellschaft und Medizin. Das zweite Phänomen ist die Feminisierung des hohen Alters. Immer mehr Frauen werden immer älter. Viele hochbetagte Frauen leben alleine und sind somit auf Unterstützung und Hilfe durch Familie und Umfeld und angepasste Strukturen im Wohnumfeld angewiesen.

Der Dokumentarfilm „Besser sterben – Was man alles darf, wenn man nichts mehr kann" bildete den Abschluss der Tagung.  Die Dokumentarfilmerin Marianne Pletscher zeigt in ihrem Portrait von Sterbenden aus dem Jahr 2004 das enorme Engagement, das Pflegekräfte und der leitende Arzt  im Spital Limmattal in Schlieren an den Tag legen, um ihren Patienten eine bestmögliche Betreuung zu bieten und ein Sterben in Würde zu ermöglichen.

Zum Weiterlesen:
www.theatlantic.com/features/archive/2014/09/why-i-hope-to-die-at-75/379329/

www.srf.ch/play/tv/srf-wissen/video/besser-sterben-was-man-alles-darf-wenn-man-nichts-mehr-kann?id=a1de64d6-188c-4455-bc8e-0991a3770a2e