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Judith Stamm Foto: Joseph Schmidiger

Warten auf bessere Tage

Von Judith Stamm

Die Situation ist verwirrend. Es nützt nichts, im Gedankengebäude Ordnung schaffen zu wollen. Die Eckpfeiler fehlen. Wie ich das meine?

Vor Jahrhunderten hätten wir gesagt, die Corona-Krise treffe uns als Strafe Gottes für begangene Untaten. Unterdessen sind wir durch das Zeitalter der «Aufklärung» gegangen. Und haben uns von vorgegebenen Erklärungsmustern befreit. Aber die Fragen bleiben.

Die Medien überfluten uns mit Neuigkeiten. Auf allen Kanälen können wir uns auf den aktuellen Stand bringen, Informationen konsumieren, Zahlenkurven betrachten. Gefragt ist aber das nötige Unterscheidungsvermögen, die gesunde Skepsis. Vor allem ist das eigene Denken gefragt.

Wir leben in einer Zeit der Gegensätze. In der Vor-Corona-Zeit war der Klimawandel die allgegenwärtig drohende Katastrophe. In unserer westlichen, «zivilisierten» Welt war längst klar, dass wir unseren «Überkonsumlebensstil» einschränken mussten. Aber wie? Wer müsste damit beginnen? Eine Kollegin, die sich keinerlei Zwang antat mit Kurz- und Langflügen antworte jeweils auf entsprechende Hinweise: «was habt Ihr auch? Ich habe ja kein Auto?» Der Ablasshandel im Kleinen!

Wir sangen das Lob des öffentlichen Verkehrs in allen Tönen. Er ist in unserem dichtbesiedelten Land sehr gut ausgebaut. Und was wird uns heute eindringlich empfohlen? Zuhause bleiben, höchstens in gebührendem Abstand von anderen Menschen zu Fuss gehen. Und, wenn immer möglich, den öffentlichen Verkehr meiden. Er ist, wie wir lesen, auch «ausgedünnt». Und wenn wir einmal einen Blick auf einen Bus erhaschen, so können wir die Passagiere von weitem an einer Hand abzählen.

Es könnten viele Beispiele genannt werden, dass wir uns in Corona-Zeiten «von selbst»  umweltgerecht verhalten. Die Umwelt dankt es und erholt sich.

Wie wir unser Handeln nachhaltig gestalten können, wussten wir schon jahrelang. Unter der Corona-Bedrohung setzen wir es um. Und jetzt kommt die grosse Frage. Wie können wir dieses vernünftige Verhalten «verstetigen»? Wie retten wir es in die Zukunft, wenn die Corona Krise hinter uns liegt?

Jürg Halter, früher bekannt als Rapper Kutti MC, hat dazu einen bemerkenswerten Brief an Bundespräsidentin Sommaruga verfasst, der im Internet greifbar ist. Eine «kosmische Verrücktheit» habe ihn ins Jahr 2027 verschlagen. Und er schildert der Bundespräsidentin, was er angetroffen hat. Fazit des Briefes: die Menschheit hat sich die Lehren aus der Corona-Krise zu Herzen genommen: «Die «Wegwerfgesellschaft» ist zu einem historischen Begriff geworden. Nebenbei wurden die Klimaziele 2025 gerade  noch erreicht… Selbstverantwortung prägt die Menschen.»

Nicht verschweigen will ich natürlich, dass sich ein weiterer Konflikt anbahnt.  «Wer soll das bezahlen?» Da und dort flackert die Meinung auf, die Rentner sollten das bezahlen. Sie seien ja die «gefährdetste Gruppe», zu deren Schutz das öffentliche Leben heruntergefahren worden sei. Was wiederum grosse wirtschaftliche Einbussen zur Folge hatte und weiterhin täglich hat.

Die Diskussion ist im Gange, ob zwischen den getroffenen Massnahmen und den wirtschaftlichen Einbussen die Verhältnismässigkeit gewahrt wurde? Wiegt der Schutz des gefährdetsten Teils der Bevölkerung die wirtschaftlichen Schäden, die unseren KMU`s, dem Rückgrat unserer Wirtschaft, zugefügt werden, auf?

Mich persönlich führte das schon lange zur Frage: waren wir, unser Gesundheitswesen, unsere Behörden, denn auf eine Pandemie adäquat vorbereitet? Vielfach wird das Beispiel einer ähnlichen Situation mit Einschränkungen während des zweiten Weltkrieges herangezogen. Diesen Krieg habe ich als Schulkind in Zürich erlebt. Ich erinnere mich, wie ich als Kind vollkommen überzeugt war, dass «unsere Soldaten» uns bei einem feindlichen Angriff erfolgreich beschützen und verteidigen würden.

In den Jahren darnach musste ich aber zur Kenntnis nehmen, dass unsere Armee gar nicht entsprechend vorbereitet gewesen war. Im Porträt «General Guisan» des Filmemachers Felice Zenoni, welches von srf 1 in diesen Tagen ausgestrahlt wird, können wir das aus dem  Mund des Generals hören. Er hat dann die Armee entsprechend fit gemacht.

Ich denke, die heutige Situation dürfte ähnlich sein. Als Angehörige der «Risikogruppe» befolge ich selbstverständlich alle behördlichen Anweisungen. Ich denke aber, es ging, mindestens in den Anfängen, nicht nur um den vielbeschworenen Schutz der Seniorinnen und Senioren. Es ging eben so sehr darum, Zeit zu gewinnen, unser Gesundheitswesen bei laufender Krise mit Lokalitäten und Material rasch entsprechend aufzurüsten. Einen plötzlichen Ansturm von Patientinnen und Patienten wollte niemand riskieren.

Diese Erkenntnis ist natürlich ernüchternd. Aber wir leben in einer so privilegierten Welt, wir «älteren Semester» dürfen uns wirklich nicht beklagen.

Es ist noch nicht so lange her, seit die «Kaufkraftklasse» der pensionierten Bevölkerung immer wieder in höchsten Tönen gelobt wurde. Sie wird, im Rahmen des Briefes des ehemaligen Rappers Knutti an die Bundespräsidentin, ihren Anteil leisten, wenn wieder bessere Zeiten kommen!

Ob wir 2027 erleben werden, steht auf einem anderen Blatt. Aber das ist, unabhängig von der Corona-Krise, für meine Altersgruppe sowieso eine offene Frage!
25. April 2020

 

Zur Person
Judith Stamm, geboren 1934, aufgewachsen und ausgebildet in Zürich, verfolgte ihre berufliche und politische Laufbahn in Luzern. Sie arbeitete bei der Kantonspolizei und bei der Jugendanwaltschaft, vertrat die CVP von 1971 - 1984 im Grossen Rat (heute Kantonsrat) und von 1983 - 1999 im Nationalrat, den sie 1996/97 präsidierte. Sie war 1989 - 1996 Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen und 1998 - 2007 Präsidentin der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft.