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Die Effizienz der Ineffizienz

Von Meinrad Buholzer

Wenn ich die Manager des Gesundheitswesens höre, wie sie uns vorrechnen, dass Patienten zu lange in den Spitälern liegen, wenn sie von Sparpotenzial reden – und das seit Jahrzehnten bei ungebremst wachsenden Kosten –, dann frage ich mich erstens, wie viel uns diese Expertokratie kostet. Und zweitens denke ich an Victoria Sweet.

Victoria Sweet ist eine Ärztin in San Francisco. Sie hat eines der interessantesten und aufschlussreichsten Bücher geschrieben, die ich in letzter Zeit gelesen habe: God’s Hotel (leider nicht Deutsch erhältlich). Sie berichtet darin von ihren Erfahrungen im Laguna Honda Hospital, wo sie über 20 Jahre gearbeitet hat: Ein Spital, das wie jene mittelalterlichen Hospize (Hôtel Dieux im Französischen), die sich der kranken Armen annahmen, von Nonnen geführt wird – genauer: geführt wurde, denn in den letzten Jahrzehnten haben die Manager der Gesundheit auch Laguna Honda erreicht.

Was Dr. Sweet beschreibt, tönt vertraut. Die schleichende Kolonisierung der Heilkunde durch eine administrierende Bürokratie. Als sie in Laguna Honda begann, gab es 1178 Patienten, rund 1500 Pflegerinnen und 32 Ärzte. Und zwei Formulare. Als sie 2012 aufhörte waren noch 780 Patienten, 1400 Pflegerinnen und neun Ärzte im Spital. Angestiegen waren das Budget und das administrative Personal. Und es gab 43 Formulare. Victoria Sweet rechnet sarkastisch vor, wie es 2024 in Laguna Honda aussieht, wenn man diese Entwicklung extrapoliert: Null Patienten, zwei Ärzte, ein dank Administration unveränderter Personalbestand von 1400 Personen, ein weiter steigendes Budget. Und eine unendliche Anzahl von Formularen.

Wichtigste Erkenntnis: Die Ineffizienz der Effizienz – oder umgekehrt: die Effizienz der von den Managern ins Visier genommenen Ineffizienz. So gesehen ist Effizienz die Krankheit, die zu heilen sie vorgibt. Zugute kommt Sweet ihr Abschluss in Medizingeschichte. Das erlaubt ihr Blicke aus zwei Perspektiven: aus der modernen Schulmedizin und aus der vormodernen Heilkunde. Im Buch breitet die Ärztin zahlreiche Beispiele für ihre These aus; das drastischste ist jenes von Terry Becker.

Eine 37-jährige Prostituierte, sieht aus wie 50, heroinsüchtig, obdachlos. Immer wieder landet sie im Akutspital (einmal gar als klinisch tot diagnostiziert), wird zusammengeflickt und zur Rehabilitation ins Laguna Honda überwiesen. Und immer wieder holt ihr Freund Mike sie ab, wenn er Geld hat, mit Alkohol, Drogen, Zigaretten. Als sie das dritte Mal bei Dr. Sweet landet, steht es schlimmer als je. Sie sei wundgelegen, heisst es in der Krankenakte. Was die Ärztin sieht, übertrifft alle Vorstellungen. Im Rücken klafft ein riesiges, breites Loch, von der Mitte des Rückens bis zur Hüfte. Haut, Fett, Muskeln weg, man sieht die Knochen der Wirbelsäule. Weil die Schulmedizin in diesem Fall versagt hat, besinnt sich Sweet auf alte Heilpraktik. Nicht die Frage, wie lässt sich das flicken, steht im Vordergrund, sondern: Was steht der Heilung im Weg? Totes Gewebe, Druck auf den Körper durch harte Matratze und Wäsche, Schmutz, Verwahrlosung, unnötige Medikamente, Angst, Hoffnungslosigkeit, Depression. Dr. Sweet räumt auf, lässt sich ein auf das, was sie Slow medicine nennt. Ebenso wichtig: Dass Terry ihren Freund Mike mit seinen Drogen endlich zum Teufel schickt. Tatsächlich setzt Heilung ein. Langsam, aber unübersehbar, wächst der Rücken zusammen. Zweieinhalb Jahre dauert dieser Prozess; ineffizient in den Augen der Gesundheitsbürokratie, zweifellos, aber mit Heilungserfolg und deshalb effizient. Als Terry Becker einigermassen auf den Füssen steht, sucht Laguna Honda nach ihrer Familie im Mittleren Westen, bezahlt ihr das Flugticket. Dort lebt sie inmitten ihrer Grossfamilie noch elf Jahre.

Buchhinweis: Victoria Sweet, God’s Hotel -A Doctor, a Hospital and a Pilgrimage to the Heart of Medicine; Riverhead Books (ca. 20 Franken). - Ein aufschlussreiches Video (TEDxMiddlebury) findet sich auf der Homepage der Autorin: www.victoriasweet.com

8. Dezember 2015

Zur Person
Meinrad Buholzer, Jahrgang 1947, aufgewachsen in Meggen und Kriens, arbeitete nach der Lehre als Verwaltungsangestellter auf Gemeindekanzleien, danach als freier Journalist für die Luzerner Neuesten Nachrichten LNN. 1975 bis 2012 leitete er die Regionalredaktion Zentralschweiz der Schweizerischen Depeschenagentur SDA. Einen Namen machte er sich auch als profunder journalistischer Kenner der Jazzszene. 2014 erschien sein Rückblick aufs Berufsleben unter dem Titel «Das Geschäft mit den Nachrichten - der verborgene Reiz des Agenturjournalismus» im Luzerner Verlag Pro Libro.