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Ein Lob auf das Alter, auf welches auch immer!

Von Judith Stamm

Die Altersmesse in Luzern ist vorbei. Judith Stamm (84) hat "dieses Paradies der Möglichkeiten" besucht und stimmt ein Loblied auf das vierte Alter an, wo sie die "Hektik des frischen Ruhestandes" hinter sich gelassen hat.

Welches Vergnügen, durch eine Messe zu schlendern, die dem Alter gewidmet ist. Ein veritables Potpourri von Produkten und Dienstleistungen entfaltet sich vor unseren Augen. Alles wird gezeigt, erklärt, angepriesen. Gehen, Sitzen, Schlafen: wir können unser Leben immer bequemer und komfortabler einrichten. Vorsorgeauftrag, Patientenverfügung, Testament: wir können unsere Zukunft, auch wir haben noch eine, immer voraussehbarer gestalten. Das ist mindestens unser Bemühen. Und in diesem Paradies der Möglichkeiten tummle ich mich, mit meinen 84 Jahren auf dem Buckel, als Angehörige der Gruppe der „Ü80" ( wer nie den Sportteil der Tageszeitung liest: das sind die über Achtzigjährigen).

"Diese jungen Schnösel"

Schon oft haben wir im Kreise der Gleichaltrigen festgestellt, wie häufig von viel jüngeren Menschen über das Alter geschrieben und gesprochen wird. „Die anderen schreiben, aber wir sind wirklich alt", sagen wir jeweils zueinander. Und machen uns einen Spass daraus, etwa bei einschlägigen Podien, die Lebensalter der Teilnehmenden aufzulisten. Vom aktiven bis zum jungpensionierten Menschen findet sich da alles. Selten ist jemand dabei, der oder die über achtzig Jahre alt ist. „Diese jungen Schnösel", schimpfen wir dann. Was wissen die denn schon

Wir sind es, die jeden Tag erfahren, wie sich das Alter anfühlt. In meinem Umfeld beobachte ich, dass uns die Lebensdynamik heute weit über das 60. Altersjahr hinausträgt - bis gegen den 80. Geburtstag. Wobei das individuell verschieden ist. Dann beginnt es, da und dort zu hapern. Die Gesundheit ist nicht mehr, was sie einmal war. Das Leistungsvermögen sinkt, der Lebensrhythmus wird  langsamer. So beschreiben es auch die Altersforscher, die unsere Gruppe das „vierte Alter" nennen. Wenn die Menschen weiter so rasant älter und älter werden, sprechen wir bald noch von einem fünften und einem sechsten Alter.

Der Löwenzahn am Trottoirrand

Soll ich jetzt zuerst die positiven oder die negativen Punkte des vierten Alters aufzählen? Ich verlasse den Mainstream und wende mich zuerst dem Positiven zu. Das Gehen wird zwar beschwerlicher. Aber, wer langsamer geht, sieht mehr! Der landschaftlichen Schönheit begegnen wir bei uns vor der Haustüre. Manchmal ist sie einige Busstationen entfernt! Der Ausblick auf See, Berge und Himmel ist zu jeder Tageszeit überwältigend. Ein nicht enden wollendes Angebot, und erst noch gratis zu haben. Vor einiger Zeit habe ich einen Löwenzahn entdeckt, der mutterseelenallein aus einer Ritze zwischen Randstein und Trottoir wuchs. Ich konnte nur staunen.Wir ganz Alten lassen auch die Hektik des frischen Ruhestandes hinter uns. Wir verfügen über Zeit!

Und siehe da. Unsere Mitmenschen sind gar nicht so zurückhaltend und verschlossen, wie sie immer beschrieben wurden. Unzählige Gelegenheiten zu Gesprächen bieten sich an. Jeder Stadtgärtner, jede Verkäuferin, jeder Bauarbeiter, jede Frau an der Kasse im Supermarkt,  alle geben gerne Auskunft über ihre Tätigkeit, manchmal auch über ihre Befindlichkeit. Natürlich nur, wenn kein Gestürm herrscht. Aber ich muss meine Runden ja auch nicht zu den Stosszeiten drehen. Und dazu kommen noch all die Informationen, die uns unter dem Schlüsselsatz: „Hast Du schon gehört..." zugespielt werden. Gegenwärtig ist kaum ein Gespräch zu haben ohne Spekulationen darüber, wer wohl am 5. Dezember in die Landesregierung einziehen werde.

Im „hohen Alter" können wir uns nicht mehr allen unseren Interessengebieten so widmen, wie wir es gerne möchten. Dafür können wir einzelnen Fragen besser auf den Grund gehen. Wir müssen auch nicht mehr mühsam Lexikonbände herumschleppen. Eine Frage, ein Klick und das Internet liefert uns Auskünfte aller Art.

Natürlich gibt es auch eine Kehrseite der Medaille. Mein gleichaltriger Cousin sagte mir kürzlich: „Ich bin ein alter Artillerie-Oberst und stelle fest, die Granaten schlagen ein  und die Einschläge kommen immer näher." Das Bild war mir fremd, aber ich erfasste die Botschaft sofort. Menschen im Umfeld werden krank, Menschen im Umfeld sterben, der Bekanntenkreis lichtet sich. Die Ungewissheit, was uns wann selber treffen wird, wird grösser und belastet. Und doch begegne ich immer wieder Menschen, die zum Ausdruck bringen, dass für sie das Alter, auch das hohe Alter, die schönste Zeit ihres Lebens sei. Dem stimme ich zu! Zum Abschluss  ein  Gedicht zum Thema von Ursula Hohler:

„Zwei alte Damen"
Nicht ohne Energie
doch etwas gebeugt
geht die alte Dame
auf der anderen Seite der Strasse
jetzt bleibt sie stehen
blickt ratlos zum Boden
und weiss wohl nicht mehr
was sie eben noch wollte
ein Bild meiner Zukunft
denke ich schaudernd
da sehe ich erst
dass sie auf dem Handy
eine SMS liest

Aus: „Poetische Seufzer – aus dem Tal der Füchsin", von Ursula Hohler – Ruth Lewinski, Wörterseh Verlag 2011

Judith Stamm, 84, ehemalige Politikerin, lebt in Luzern. Sie schreibt als Kolumnistin regelmässig für Luzern60plus.