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Bunte Gruppe: Lehrpersonen und Lernende, Geflüchtete und Schweizer, Alt und Jung.

«Ich spüre viel Vertrauen und Wertschätzung»

Wir und die Flüchtlinge – die Flüchtlinge und wir: 2.Teil unserer Serie

Von Max Schmid (Text) und Joseph Schmidiger (Bild)

Deutsch zu lernen, ist für Flüchtlinge eine Pflicht: Einige schaffen es mit grosser Hingabe, für andere ist es eine Qual. Manches hängt von den Umständen ab, unter denen unterrichtet wird. Wir berichten von einem mehrjährigen Projekt, bei dem Pensionierte sowie Studierende mit eritreischen und afghanischen Flüchtlingen Deutsch trainieren. Sie versuchen, im Unterricht auch einiges über uns und unser Land zu vermitteln.

Dienstag, 16.30, Schulhaus Grossfeld 2 in Kriens. Auf dem Gang des oberen Stocks unterhalten sich angeregt junge Männer, die aus verschiedenen Ecken des Kantons angereist sind. Sie sind Asylsuchende, Geflüchtete, die meisten aus Eritrea, einige aus Afghanistan. Mitten unter ihnen zwei Studentinnen der Uni Luzern. Man unterhält sich auf Deutsch. Es ist die Lingua franca, die Sprache, die sie hier lernen: manche in Ergänzung zu Intensiv-Kursen, einige schon seit drei, vier Jahren, andere sind erst im letzten Sommer dazu gestossen, als Plätze frei wurden, weil bisherige Kursteilnehmer eine Lehre angefangen haben.

Es wird gescherzt, gelacht, inzwischen kennt man sich gut. In den letzten Monaten  haben Pascalle und Fabienne und die andern beiden Studierenden, die im Unterricht die Kursleiter unterstützen, den Flüchtlingen die Uni gezeigt, an der sie studieren, einen Postenlauf durch Luzern veranstaltet, einen kurzen Samariterkurs organisiert und  auch mal mit den jungen Männern auf dem Inseli Boccia gespielt. Das trug dazu bei, die anfängliche Scheu der Kursteilnehmer zu überwinden. Doch heute sind sie hier, um Deutsch zu lernen. Dazu gibt Max Dinkelmann das Zeichen, der lachend unter der Tür eines der Schulzimmer erscheint: Er leitet den Sprachkurs – abwechselnd mit dem Autor dieses Artikels. 

«Unser Schweizer Vater»

Max arbeitete 42 Jahre als Primarlehrer. Er liebte seinen Beruf. Doch als er pensioniert worden sei, habe er sich gesagt: «Ich bin bereit, alles Mögliche zu machen, doch Schule geben werde ich nicht mehr, das habe ich lange genug gemacht.» Doch es kam anders. Max Dinkelmann unterrichtet wieder: Er habe schnell gemerkt, dass dieser Deutschunterricht etwas ganz anderes sei, als das, was er früher gemacht habe. Es gehe bei Deutsch für Flüchtlinge nicht nur um die Sprache. «Wir können ihnen im Unterricht auch viel über uns, unsere Lebensweise und unser Land vermitteln, handkehrum bringen die Teilnehmer uns ihre Heimat und ihre Erfahrungen näher.» 

Es ist diese Möglichkeit, über das Unterrichten hinaus, die Flüchtlinge ein Stückweit zu begleiten, die Max besonders Freude macht. Die Kursleiter seien Ansprechpersonen im Flüchtlingsalltag. Beispielsweise, wenn Post von Behörden oder von sonst wo komme. Max hat ihnen beispielsweise geraten, keinen Vertrag zu unterschreiben, den sie nicht einem von uns gezeigt hätten. «Manchmal kann man mit relativ geringem Aufwand, etwas bewirken: ein Problem lösen, eine Situation klären, Hoffnung machen», sagt Max. «Du bist für uns unser Schweizer Vater», hat einer von ihnen zu ihm gesagt. Das hat ihn berührt.

Max und ich haben uns 2014 kennengelernt. Seine Ehefrau, Trudi Dinkelmann-Schällebaum, ist seit Jahren aktiv bei «Kriens integriert», einer NGO, die in Zusammenarbeit mit der Stadt Kriens seit Jahren Deutschkurse für Migrantinnen organisiert. Trudi ortete angesichts der damals stark steigenden Zahl von Flüchtlingen ein Bedürfnis nach Deutschkursen auch für Männer. 

Max konnte sich ein kleines Engagement vorstellen – auch mich reizte die Idee, Flüchtlinge persönlich kennenzulernen. Trudi führte uns zusammen. Im Turnus alle zwei Wochen an zwei Tagen eine Doppellektion – so viel Zeit von der neuen Freiheit im Ruhestand waren wir bereit einzusetzen. Und so standen wir im Herbst 2014 in einem Raum unter der Krienser Gemeindebibliothek vor einem knappen Dutzend junger Männer aus verschiedensten Ecken der Welt: Tibeter, Eritreer, Somalier, Syrer. 

Wie wird das Wetter?

Meine erste Lektion nach dem gegenseitigen Vorstellen galt dem Wetter: «Wie ist das Wetter? – Die Sonne scheint. Es ist heiss.» Bei Null mussten wir nicht anfangen, die meisten Teilnehmer hatten in den Asylzentren bereits rudimentäre Grundkenntnisse erworben. Inzwischen unterrichten wir auf Niveau B1 und reden nicht mehr nur über das Wetter sondern beispielsweise auch über Wirtschaft und Gesellschaft der Schweiz.

Seit 2016, als wir das Projekt unter dem Namen Perspektive 1 auf eine neue Basis stellten, hat Trudi, die uns administrativ unterstützt, Statistik geführt: Es waren Insgesamt 24 Kursteilnehmer. Viele davon haben inzwischen berufliche Praktika absolviert, sechs machen eine Lehre, einer besucht eine Höhere Fachschule und vier haben eine feste Arbeit gefunden. Drei Eritreer, deren Asylgesuch nicht akzeptiert wurde, mussten die Schweiz verlassen.

Schmerzliche Erfahrung

Diese Erfahrung war jedes Mal sehr schmerzlich. Max ging zwar mit den Betroffenen zu den Sans-Papier, zu Anwältinnen, die die minimalen Chancen, in der Schweiz zu bleiben, ausloteten, aber ändern konnte man der Entscheid der Asylbehörden nicht. Alle sind sie dann plötzlich verschwunden. Von Mussie, dem Spassvogel unter den Eritreern kam später eine Meldung aus England, Tsehaye, der Familienvater, schickte über WhatsApp Lebenszeichen aus Deutschland.

Jetzt haben unsere Teilnehmer alle Ausweis F oder B, mit denen man (mit F-Ausweis allerdings nur vorläufig) in der Schweiz leben und arbeiten darf. In dieser Situation ist das Erlernen der deutschen Sprache fundamental. Max sagt: «Flüchtlinge kommen erst an, wenn sie physisch, sprachlich und menschlich aufgenommen werden.» Nichts könne die Integration mehr fördern als die Sprache, das Reden mit den Einheimischen. Dazu brauchen sie Menschen um sich, die sie fragen können und die ihnen antworten.

Herumhängen ist ein Stressfaktor

Die Wichtigkeit der Sprache sei den meisten Kursteilnehmern bewusst, sagt Max. Sie seien mehrheitlich hoch motiviert, Deutsch zu lernen und Deutsch zu gebrauchen. Das untätige Herumhängen, das droht, solange sie nicht arbeiten können, ist nach der Erfahrung von Max für die jungen Leute ein echter Stressfaktor. 

Andererseits kommen die Teilnehmer bei weitem nicht gleich schnell voran. Zu unterschiedlich sind die schulischen Voraussetzungen, die Fähigkeiten und Begabungen. Auch die psychische Gesundheit scheint eine Rolle zu spielen. «Weißt du, nicht alle können gleich gut mit den schrecklichen Dingen umgehen, die wir erlebt haben» hat Madhere, der seit Sommer eine Lehre bei den CKW macht, einmal zu Hans Säuberli gesagt, der ihn bei der Vorbereitung zum B1-Examen unterstützte. 

Mentalitätsunterschiede unterschätzt

Hans Säuberli und sein Kollege Peter Hofmann sind Ärzte im Ruhestand, die sich ebenfalls für das Projekt Perspektive1 engagieren. Jeden Montag treffen sie sich mit den Flüchtlingen zum Konversationskurs. Ein gutes Gesprächsthema zu finden, sei nicht immer leicht. «Mier müends meischtens usechützele», sagt Hans lachend. «Und wir müssen sie quasi zwingen, ganze Sätze zu sagen»,  ergänzt Peter. Er ist etwas enttäuscht über die Fortschritte, die erreicht werden. Er habe, die «Mentalitätsunterschiede und das Bildungsniveau der Migranten überschätzt. Er frage sich, ob sie wirklich integrierbar seien, ob sie wirklich unsere Sprache lernen wollen oder können. Auch Hans fürchtet, dass einigen der Wille fehlt, «sich sprachlich, kulturell und arbeitsmässig in der Schweiz zu integrieren». Umso mehr freut es ihn, dass es andrerseits auch jene gibt, die sehr viel für ihre Integration tun. Ein Flüchtling ist ihm dabei durch seine offene, liebenswürdige Art und seinen Willen, in der Schweiz seinen Weg zu gehen, besonders ans Herz gewachsen. «Er hat die B1-Prüfung in Deutsch bestanden, eine Aufenthaltsbewilligung B erhalten und eine Lehrstelle gefunden. Vor zwei Wochen konnte ihm dann seine Frau, die er vier Jahr nicht mehr gesehen hat, legal in die Schweiz nachreisen. Das hat mich sehr berührt und gefreut. Für diesen Flüchtling hat sich jeder Einsatz gelohnt», meint Hans.

Grundsätzlich engagieren sie sich beide gerne: «Es hat mich bereichert», sagt Peter «und mir Einblick in ein schwieriges Kapitel der Migrationspolitik verschafft.» Für Hans hat sich die Einschätzung der Flüchtlingssituation, die er zuvor – wie die meisten von uns – nur aus den Medien kannte, nicht wesentlich verändert: « Aber sie hat sich konkretisiert, sie hat gleichsam im wahrsten Sinn des Wortes Gesichter und persönliche Schicksale bekommen.»

Es braucht Job Coaching

Seit insgesamt sechs Kursteilnehmer eine Lehre angefangen haben, hat sich für Perspektive 1 ein neues Tätigkeitsfeld eröffnet. Für die Lehrlinge ist die Berufsfachschule eine grosse Herausforderung. Einerseits sprachlich – die Texte in den allgemeinbildenden Fächern wie Rechts-, Staats- oder Wirtschaftskunde sind für Fremdsprachige anspruchsvoll -,  andrerseits zeigt sich, dass viele der Geflüchteten Defizite in Mathematik und Geometrie aufweisen, die in den technischen Berufen ein Handicap sind.  

Deshalb hat Trudi Dinkelmann als ehemalige Sekundarlehrerin in letzter Zeit angefangen, Lernende zu unterstützen. «Job Coaching» nennt sich das. Mit Madhere, der im ersten Lehrjahr ist, trifft sie sich regelmässig in der Mensa der Uni Luzern, wo sie dem jungen Elektromonteur bei Mathe- und Geometrie-Problemen hilft. Nazim, ein afghanischer Flüchtling und Klassenkollege Madheres an der Berufsfachschule wird von einem Bekannten Trudis, auch er ein ehemaliger Sekundarlehrer, betreut.  

Max ist nach fünf Jahren Kontakt mit Flüchtlingen überzeugt davon, dass sie Bezugspersonen brauchen. Ganz besonders wichtig sei eine Begleitung für den Einstieg in die Berufswelt. Trudi hat in Gesprächen mit Arbeitgebern eine relativ grosse Bereitschaft festgestellt, geflüchtete Personen auszubilden, «wenn sie wissen, dass ein Job Coaching gewährleistet ist». Aus der Sicht des Teams von Perspektive 1 ist es fraglich, ob dieses Bedürfnis allein mit den Massnahme befriedigt werden kann, die der Kanton anbietet.

Trudi jedenfalls, die mit Coaching bereits ziemlich ausgelastet ist, findet diese Aufgabe «absolut sinnstiftend». «Ich mache etwas, bei dem ich ein konkretes Resultat sehe und habe dabei auch noch viel Freude.» 

Traditionelle Achtung vor dem Alter

Alt habe er sich im Umgang mit den jungen Afrikanern und Asiaten eigentlich nicht gefühlt, sagt Max. Im Gegenteil. Man ahne, dass sie in Kulturen ausgewachsen seien, die sehr respektvoll mit älteren Menschen umgehen. «Ich spüre viel Vertrauen, Wertschätzung und Dankbarkeit.»

Die Beteiligten sind sich mit Trudi einig: «Manchmal fühlt man sich in dieser Flüchtlingsmisere so ohnmächtig. Man denkt, was kann ich schon machen. Doch jetzt habe sie die Erfahrung gemacht: Ja, man kann nicht Berge versetzen, aber man kann der Tropfen sein, der auf den heissen Stein fällt. Darum muss man die Leute, die Gelegenheit haben, mit Geflüchteten zusammen zu sein, ermutigen, diese Chance zu nutzen» Gerade für Seniorinnen und Senioren könne dies eine sehr wertvolle Erfahrung sein. Es sei auch, wie Hans ergänzt, «eine Erfahrung, die hilft, sowohl die Situation der Flüchtlinge als auch jene ihrer Schweizer Helfer und Unterstützer besser zu verstehen.»

Dokfilm zum Deutschkurs auf folgendem Youtube-Link https://www.youtube.com/watch?v=ze2qivjAV1M

Personen, die allenfalls bereit wären, Lernende in einem Job Coaching zu begleiten (je nachdem Deutsch, Allgemeinbildung, Mathematik, Geometrie,) sind herzlich eingeladen, sich unverbindlich bei Trudi Dinkelmann  zu melden. (tdinkelmann@bluewin.ch).

09.11.2011 / max.a.schmid@gmail.com

Zur Serie: "Wir und die Flüchtlinge – die Flüchtlinge und wir"

Die Redaktionsgruppe des Forums Luzern60plus möchte sich mit einer Serie von Beiträgen der Themen Migration und Flüchtlinge annehmen. Wir wollen den Betroffenen eine Stimme geben, statt nur den rhetorischen Strategien der Rechtpopulisten Raum zu bieten, die in den Medien in vielen Fällen unreflektiert aufgenommen werden.

Wer sich ein wenig herum hört, erfährt immer wieder von Begegnungen älterer Leute mit Asylsuchenden. Im Unterschied zur Aktiv-Generation haben viele Pensionierte Zeit (und oft auch Lust), sich auf Menschen einzulassen, die auf der Flucht vor Krieg, Repression oder Armut zu uns gekommen sind und hoffen, hier Asyl zu finden. Staatliche Stellen und Hilfswerke bemühen sich, den Flüchtlingen Unterkunft und Betreuung zu gewähren und ein faires Asylverfahren zu garantieren. Auch Deutschunterricht, der eine entscheidende Rolle für ihre Integration in Gesellschaft und Arbeitswelt spielt, wird angeboten, sobald sie ein (oftmals nur vorläufiges) Bleiberecht erhalten. Dennoch sind diese Menschen, die in ganz andern Kulturen aufgewachsen sind, oft in einer schwierigen Situation. Zum Teil haben sie gute Kontakte zu Landsleuten in der gleichen Situation, aber zwischen ihnen und der einheimischen Bevölkerung gibt es eine unsichtbare Wand, die zu durchbrechen für beide Seiten – zumindest auf den ersten Blick – nicht einfach scheint. 

Genau da können ältere Menschen, die sich für Fremde und Fremdes interessieren, spannende Erfahrungen machen. Sie brauchen nur den ersten Schritt zu wagen. Luzern60plus stellt den Leserinnen und Lesern in den kommenden Monaten ein paar Beispiele solcher Begegnungen vor.

Bereits veröffentlicht:

Achmed möchte dazugehören

«Ich spüre viel Wertschätzung und Vertrauen»

Geplant:

Abraham hat es geschafft.

  • Er hat Deutsch gelernt und eine Ausbildung gemacht. Doch jetzt, wo es für den Somalier gilt, eine Stelle zu finden, mit der er seine Familie ernähren könnte, steht er vor grossen Hindernissen. 

«Hello Welcome»: Kaum ein Flüchtling kennt es nicht 

  • Der Luzerner „Treffpunkt für Geflüchtete, MigrantInnen und Einheimische“ am Kauffmannweg ist ein offener Begegnungsort. Da gibt es keine unsichtbaren Wände zwischen Kulturen und Generationen. Eine Seniorinnen oder ein Senior erzählen.